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Das Problem bei Psychologiestudenten : Sie hinterfragen IMMER

Guten Morgen ihr Lieben!
Vorab eine Warnung heute wird es ein langer Text, dafür gibt es eine spannende Studie. Es heißt also wieder "Psycho-Lotte"
Heute geht es endlich richtig los. Nachdem ich den gestrigen Tag damit verbracht habe nichts zu tun, beginnt der Tag heute zur Abwechslung mal mit einer Vorlesung. Morgen habe ich dann allerdings wieder frei- Student müsste man sein, was ? ;-)
Eigentlich hatte ich gestern ja vor wichtige Dinge zu tun (Weltherrschaft an mich reißen oder Obama zum Wahlsieg verhelfen zum Beispiel), habe den Tag dann jedoch lieber damit verbracht Morgens im Bett zu lesen, mich irgendwann zum joggen zu erheben und um 11 Uhr festzustellen, dass man ja jetzt auch mal frühstücken könnte.
Anschließend war ich von all dem so erschöpft, dass ich erst einmal "Die Tribute von Panem" schauen musste. Eine gute Freundin hat mir so sehr davon vorgeschwärmt, dass ich mich nicht länger verweigern konnte. Super der nächste Fantasy-Hype ist bei der Lotte angekommen. Genial, als hätte ich mit Harry Potter und Herr der Ringe nicht alljährlich genug zu tun. Werde dann wohl demnächst die Bücher lesen müssen *seufz*. Aber gut, das Studentenleben scheint dieses Semester ganz nett zu werden und wenn es nun einmal ein gutes Buch ist... Da ist man doch quasi gezwungen oder? Oder, wie mein Vater sagen würde "Luigi Capanelle unschuldig"
Nachdem ich also die Zeit seeeeeeeeeeeehr sinnvoll verbracht habe geisterte mir der Gedanke durch den Kopf dass es nicht schaden könne mal vor die Tür zu gehen. Ein folgenreicher Entschluss, denn seither geistert mir eine interessante Studie durch den Kopf.
Ich wartete am Bahnhofsschalter darauf an die Reihe zu kommen als ein junges Mädchen in meinem Alter sich neben mich setzte. Ein kurzes Seitenblick und es stand fest: Das Mädchen war ziemlich fertig mit der Welt. Auf meine Frage ob ich irgendwie helfen könne fing sie zu allem Überfluss auch noch an zu weinen. Es stellte sich heraus dass sie ganz üble Schmerzen im Nacken hatte (kein Wunder bei dem Kampfgewicht von Rucksack, das sie mit sich schleppte) und zu allem Überfluss ihr Zug 2 Stunden Verspätung hatte.
Mmmh. Blöd. Ich fragte ob sie etwas gegen die Schmerzen dabei hätte. Sie verneinte. Mein Angebot für sie in die Apotheke zu gehen, damit sie sitzen bleiben könne, erschien ihr zwar verlockend, aber sie lehnte ab. Allerdings entlockte meine Idee sie könne selbst in die Apotheke und ich würde auf diesen Mordsrucksack (da passte locker ein ganzes Haus rein, oder auch mein Gepäck von nach den Semesterferien) aufpassen fand sie schon viel besser. Gesagt, getan und nach einem kurzen Gespräch über Gott und die Welt und das so blöde Dinge nun einmal häufig aufeinander treffen und nicht nur ihr allein passieren wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Das arme Mädchen war so dankbar und glücklich, wie man es sich kaum vorstellen kann, wenn man an das vorherige Nervenbündel denkt.
Warum erzähle ich euch das? Um meine tolle Tat öffentlich zu machen? Mmmh, vielleicht auch, aber eher weil ich seither an die folgende Studie von John Darley denken muss:
Dieser lud 1970 Studenten der Theologie zu sich ein. Diese wurden in zwei Gruppen unterteilt. Die eine Gruppe bearbeitete einen Text zum barmherzigen Samariter, die andere zu Karrierechancen von Theologen. In einem anderen Gebäude sollten sie dann den Vortrag zu dem bearbeiteten Thema halten. Allerdings gab es ihr einen Trick. Jeweils einem Drittel wurde gesagt dass man spät dran sei und sich beeilen müsse, einem anderen Drittel wurde nur gesagt man solle jetzt hinüber gehen (ohne Zeitangabe) und der letzten Gruppe wurde erklärt dass noch viel Zeit sei.
Auf dem Weg dort hinüber trafen alle Versuchspersonen auf eine  Person, die zusammengesunken vor einem Hauseingang saß.
Die Fragestellung hierbei war natürlich: Wer hilft dieser Person?
Erstaunlicherweise war das Hilfeverhalten nicht davon abhängig ob die Studenten die Geschichte vom Samariter bearbeitet hatten, sondern schlicht und ergreifend vom Zeitdruck. Wer keine Zeit hatte half nicht (ganz pauschal ausgedrückt natürlich halfen auch einige dort, aber viel viel weniger) Wer Zeit hatte half häufiger. Nichts mit "guter Mensch" und "Ich bin eine hilfsbereite Persönlichkeit" Alles Blödsinn wir sind Opfer der Umstände...
ODER? Ich finde es ein bisschen zu einfach nur die Umstände für Verhalten verantwortlich zu machen.
Die Frage, die sich also stellt ist: Hätte ich dem Mädchen auch geholfen, wenn ich weniger Zeit gehabt hätte?
Ich hoffe ja, denn man von bestimmten Phänomenen weiß, kann man auch leichter gegen sie angehen. Das hoffe ich zumindest. Ansonsten bleibt es das Makel des Psychologiestudenten IMMER alles zu hinterfragen ;-)
Ich wünsche euch einen wunderbaren Tag ganz ohne Hektik, damit ihr Samariter sein könnt
Lotte
Das eigentliche Wunder: Trotz dieses Frühstücks/Mittagessens konnte ich mich noch bewegen!!!
PS: Nachlesen könnt ihr die Originalstudie hier: Journal of Personality and Social Psychology
1973, Vol. 27, 100-108 "From Jerusalem to Jericho": A Study of situational and dispositional variables in helping behavior
Einen schönen Link zu Hilfsverhalten im Allgemeinen kurz und bündig habe ich gestern hier entdeckt
PPS: Schaut mal: Bei Dreierlei Liebelei gibt es zur Zeit eine tolle Verlosung

Kommentare

  1. Tolle "Geschichte". also nimm dir Zeit für die wiklich wichtigen Dinge des lebens und für tolle Begegnungen!
    Danke
    Mecki

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  2. Ach Lotte :) Du bist einfach mein Lieblinssamariter.
    Liebe Grüße
    Nadine

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    1. Vielen Dank *rotwerd* Ich wünsche dir einen tollen Tag im wunderbaren Irland

      Löschen
  3. Die vermeintlichen Notwendigkeiten und Sachzwänge beherrschen uns mehr als wir wahrhaben wollen.
    Sie verhindern das "über das aktuelle Problem" hinaussehen und führen - das als psychologischer Laie zum Tunnelblick, der den Blick für die Mitmenschen verstellt.
    Das schauderhafteste Beispiel dafür ist die Geschichte zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. Keiner wollte ihn aber aus den Sachzwängen hattte niemand den Mut auszubrechen.

    Hansi

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