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Einmal Gedenken bitte

Auf die Gefahr hin, dass euch mein Blog zu "gedankenlastig" wird möchte ich auch heute nicht den üblichen Lifestyle Heitata schreiben, um den es hier sonst häufig geht. Und den ich nebenbei gesagt auch sehr genieße ;-)
Heute ist dafür jedoch  kein Raum und keine Zeit und vor allem auch einfach der falsche Tag.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1939 fand in Deutschland die sogenannte Reichspogromnacht statt. In den Tagen vom 7 bis 10. November 1938 starben rund 400 Menschen. Dieses Datum markiert den Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung von 6 MILLIONEN Juden und dabei sind die anderen Opfer der Nationalsozialisten nicht mitgezählt.
Ich möchte jetzt keine Geschichtsstunde abhalten, wir alle hatten das in der Schule. Meine Generation sogar so oft, dass es manche nicht mehr hören können.
Aber ich möchte dennoch daran erinnern und gedenken.
Denn was damals passiert ist erscheint uns unfassbar und schrecklich. Wir können nicht glauben, dass Menschen zu so etwas fähig sind und schämen uns vielleicht noch immer für Taten, die lange vor unserer Zeit begangen wurden.
Wir stehen da und sagen "Wie konnte so etwas geschehen". Und wir sagen fest und entschieden "So etwas ist nicht mehr möglich".
Entschlossen behaupten wir, eine Wiederholung der damaligen Zeit sei  in der heutigen Gesellschaft nicht möglich. Wir alle sind viel bessere Menschen, wir könnten so etwas niemals tun und die Menschen seien allesamt Monster gewesen. Unser Mitgefühl gilt, richtigerweise, voll und ganz den Opfern. Und während wir Tränen vergießen und uns mit dem wohligen Schauer versichern die Welt sei doch jetzt anders und Deutschland wäre so ein schönes Land, möchte ich uns manchmal allesamt schütteln.
Denn all das erscheint viel zu einfach. Natürlich versichern wir uns gerne, dass wir gereift sind, dass der Nationalsozialismus nur das Werk von Verrückten sein kann und dass jeder KZ Aufseher schwer gestört gewesen sein muss. Wie kann ein Mensch denn sonst im einen Moment Menschen vergasen und im nächsten dem eigenen Kind eine Gute Nacht Geschichte vorlesen.
All diese gestörten Persönlichkeiten müssen auf perfide Weise plötzlich in Deutschland zusammen getroffen sein und so etwas vollbracht haben. Eine andere Erklärung gibt es nicht.
Aber wir, wir sind nicht mehr so. Wir haben schließlich in der Schule alles über den Holocaust und die Gräueltaten des NS-Regimes gelernt. Wir sind davor gefeit.
Und genau das ist falsch. Es stimmt nicht, dass man völlig verrückt oder labil sein muss um auf Autoritäten zu hören, ganz gleich was sie uns befehlen. Es gibt ein Experiment von Stanley Milgram. Dort ließ er 1961 seine Versuchspersonen Stromstöße an angebliche Schüler verteilen, wenn diese eine Frage falsch beantwortet haben. Diese Stromstöße wurden mit der Zeit systematisch immer stärker. Sie gingen von 300-450 V. Auch wenn die Versuchsperson, die sich in einem Nebenraum aufhielt, schrie und erklärte sie habe Herzprobleme und schließlich gar nicht mehr antwortete forderte der Versuchsleiter die Teilnehmer auf fort zu fahren. Er sagte ganz einfache Sätze nämlich beim ersten Zögern "Bitte fahren Sie fort" beim zweiten Zögern "Das Experiment erfordert dass Sie fortfahren" beim dritten Mal "Sie müssen unbedingt weiter machen" und schließlich "Sie haben keine Wahl Sie müssen weiter machen". Von 40 Versuchspersonen gingen 26 bis zum Schluss von 450V. 26! Natürlich hatten sie eine Wahl, was hätte denn passieren sollen, wenn sie den Versuch abgebrochen hätten? Und die Tatsache, dass im Raum nebenan kein wirklicher bestraft  Student wurde,  war ihnen allen NICHT bewusst. Der einzige Grund, warum diese Studenten den Befehlen gehorchten war so einfach, wie erschreckend. Da saß eine Autorität im weißen Kittel und sagte ihnen sie hätten keine andere Wahl, sie müssten fortfahren.
So einfach ist das.
Ein zweites Experiment, dass ihr alle vermutlich kennt nennt sich Stanford Prison Experiment. Zimbardo unterteilte die Teilnehmer zufällig  in 2 Gruppen. Die eine Gruppe verkörperte Häftlinge, die andere sollte ihre Wärter verkörpern. Allein diese zufällige Aufteilung reichte, um die angeblichen Wärter zu Misshandlungen ihrer Gefangenen anzustiften. Das Experiment, das ursprünglich für  2 Wochen angesetzt war, musste nach 6 Tagen abgebrochen werden, da die Situation zunehmend eskalierte. Zimbardo beschreibt dies sehr anschaulich in seinem Buch "Der Luzifer Effect".
Natürlich gab es auch in diesen beiden Experimenten Ausnahmen. Menschen haben sich widersetzt, sind ihrem Gewissen gefolgt und haben anders gehandelt als verlangt.
Aber, und das muss man ganz deutlich sagen, es waren die wenigsten und das bei ganz normalen Studenten aus der gehobenen Mittelschicht.
Die Taten der Nazis sind auf keinen Fall zu rechtfertigen und schon gar nicht mit solchen Experimenten, aber der Punkt ist, dass wir nicht wissen wie wir handeln würden. Wir erheben den Zeigefinger und sagen wir würden so etwas NIE tun, unter gar keinen Umständen, denn wir sind zivilisiert und wissen was man darf und was nicht.
Aber so einfach ist es eben nicht. Sich widersetzen erfordert Courage und während wir den Kopf schütteln über all die Menschen, die einfach nur zugesehen haben, sollten wir uns bewusst machen, dass wir vielleicht nicht besser sind. Wir sind nicht davor geschützt schlecht und falsch zu sein. Es ist niemand da, der uns an die Hand nimmt und es uns leichter macht. Da sind nur wir, vielleicht gegen eine breite Mehrheit, die sagen können. SO NICHT MIT MIR und vor allem SO NICHT MIT MEINEN MITMENSCHEN.
Ich möchte heute gedenken, all den Opfern der Nationalsozialisten, aber besonders möchte ich mitdenken. Nicht nur heute oder Morgen, sondern jeden Tag. Mitdenken, wenn ich mich einer Bewegung anschließe, mitdenken, wenn Stimmungsmache im Land herrscht. Denn wenn uns die Sozialpsychologie und auch unsere Geschichte eins gelehrt hat dann, dass die sogenannte Schwarmintelligenz Schwachsinn ist. Tut mir leid liebe Piraten, aber die Masse ist nun einmal faul und dämlich. Das hat nichts mit dem IQ des Einzelnen zu tun, sondern mit dem Phänomen der Masse. In großen Gruppen wollen wir nicht auffallen, wir haben Angst und suchen uns den bequemsten Weg und der ist nun einmal beim Kopfschütteln, dem "So etwas kann gar nicht wieder passieren" und dem Hinweis auf all die Verrückten. Wir sind nicht so.
Aber wissen wir das genau?
Lasst uns nicht nur gedenken (was unglaublich wichtig ist) sondern MITdenken. Wir sind für uns und unser Handeln verantwortlich, das nimmt uns keiner ab, auch nicht, wenn er einen weißen Kittel trägt und eindringlich sagt "Sie haben keine Wahl, Sie müssen weiter machen". Die haben wir nämlich.
Lotte

PS: Informationen zum Milgram Experiment und zum Stanfaord Prison Experiment gibt es zuhauf im Netz. Sehr umfangreich ist hierbei Wikipedia, auch wenn viele über eine solche Quelle den Kopf schütteln, ist doch hier alles sehr detailliert geschildert. Es lohnt sich aber auch einen Blick auf die Homepage von Zimbardo zu seinem Stanford Prison Experiment zu werfen.

Kommentare

  1. Ich finde es schon beindruckend, dass du dich mit dem Thema auseinandersetzt und auch mal sowas schreibst. Das zeugt von Mut.

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    1. Vielen Dank. Es gibt so Tage, die sind mir sehr wichtig und dieser gehört einfach dazu

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  2. vielen Dank, auch im Namen von Arnold Scheeren
    Hansi

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