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Ein schauriger Gedenktag

Eigentlich ist der Sonntag ja ein schöner Tag, den man mit ausschlafen, gutem Essen und viel Ruhe verbringen sollte. Das sollt ihr unbedingt auch heute tun, aber zusätzlich möchte ich euch bitten wieder einmal zu gedenken.
Denn heute vor 68 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Und dementsprechend ist heute auch der Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus.
Und wie immer an solchen Tagen sagt sich alles so schnell dahin "Nie wieder", "Wie schrecklich", "Unfassbar". Ja, es ist unfassbar. Die bloße Zahl all der Menschen, die ermordet wurden ist schlicht nicht fassbar. Eine Zahl wie über 6 Millionen kann kein Mensch begreifen. Deshalb sind und bleiben es Einzelschicksale, wie das der Anne Frank, die uns im Gedächtnis bleiben. Aber sie war nicht allein. Über 6 Millionen Menschen sind damals umgebracht worden. Sie alle hatten ein Schicksal, und sie alle hatten einen Namen.
In meiner Generation ist das Grauen nicht mehr fassbar, schlicht und ergreifend, weil wie die Worte, Zahlen und Fakten aus Geschichtsbüchern und Filmen wie "Schindlers Liste" oder "Zug des Lebens" kennen. 
Die Überlebenden dieser Zeit sind inzwischen sehr alt, wenn nicht gar schon tot und alles scheint uns sehr fern und unwirklich. 
Trotzdem, ist es passiert. Trotzdem waren diese Menschen einmal da und trotzdem ist es in unserer Verantwortung sie nicht zu vergessen. Nicht weil wir Deutsche sind, zumindest nicht nur, weil wir Deutsche sind, denn all das passierte lange vor unserer Zeit und ich finde den Vorwurf einer Generationen überdauernden Kollektivschuld, nur weil ich aus irgendeinem Zufall in diesem Land und keinem anderen geboren wurde, falsch. In der Verantwortung sind wir, weil wir Menschen sind. Menschen in einer Zeit, in der man inzwischen per Mausklick Drohnen abschießen kann, in der die Atombomben existieren und Massenvernichtung fast noch leichter erscheint als vor 68 Jahren. Das alles haben wir in unserer Welt und das können wir nicht mehr rückgängig machen, oder, wie Dürrenmatt in seinem Drama "Die Physiker" sagte: 

"Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurück genommen werden"

All diese Dinge, all diese Vernichtungswaffen wurden gedacht und erdacht. Sie existieren mitten unter uns Menschen. Wie leicht erscheint eine Massenvernichtung angesichts dieser Tatsache. Und wie schnell vergessen wir was passiert ist. 
"Aus Geschichte lernen" ist ein allseits beliebter Satz, der ganz häufig an solchen Tagen zitiert wird: Lasst uns lernen, damit das nie wieder passiert. Gut und schön, aber nur heute? Nur an Gedenktagen? Nur wenn wir alle Asche auf unser Haupt kippen, weil wir mal wieder unerfreulicher Weise an unsere Vergangenheit erinnert werden? 
Noch mal, wir, meine Generation, wir sind in der Verantwortung. Nicht weil wir Deutsche sind, sondern weil wir Menschen sind. Menschen, die mit den Herausforderungen des einmal gedachten und erdachten leben müssen. Diese Verantwortung erfasst alle Menschen auf dieser Welt. Nicht nur uns. Und auch dieses Erinnern erfasst alle Menschen und ganz besonders uns. 
Ich schäme mich in einem Land zu leben, indem rechtsradikale Kräfte nicht ungehört bleiben, sondern mit ihren Parolen und Schlagworten Wählerstimmen erzielen. 
Ich bin in einem kleinen Bundesland aufgewachsen. Einem Bundesland, in dem eine gewisse rechtsradikale Partei in manchen Gebieten das gesamte öffentliche Leben bestimmt. Diese Partei ist es, die Bibliotheken organisiert und alte Leute zum Arzt fährt und dafür schäme ich mich. Ich kann nicht ändern was passiert ist, denn damals gab es mich noch nicht. Aber ich kann ändern, was heute geschieht. 
Liebe Politiker dieses Landes: Warum? Auf der Suche nach Wählerstimmen grast ihr Themen ab, die brandaktuell und voll von Geschleime sind (quer durch die Parteienlandschaft übrigens). Fangt an nachzusehen wo es wichtig ist. Warum lasst ihr es zu, dass eine solche Partei die gesamte Infrastruktur in einem Dorf, einer Stadt, ja sogar einem ganzen Landstrich organisiert? Und während ihr Kränze ablegt und große Reden zum Gedenken schwingt, vergesst ihr vor die eigene Haustür zu schauen. Und wir vergessen es genauso. Wie leicht ist es zu sagen "Parteiverbot" oder "die Politik ist Schuld an allem Übel" während wir uns zurück lehnen, eine Betroffenheitsmiene aufsetzen und nichts tun. 
Aber auch das reicht nicht.Wir haben die Verantwortung. Wir. Keiner wird uns das abnehmen, nicht die Generation vor uns und auch nicht die danach. Wir wissen nicht was passieren wird und wir können nicht ändern was schon geschehen ist, aber wir können heute verantwortungsbewusst mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen.
Aus Geschichte lernen, das sollten wir jeden Tag und nicht nur heute. 6 Millionen ist eine große Zahl, 6 Millionen, das ist fast 2 Mal ganz Berlin umbringen. 6 Millionen Namen und Schicksale. Es ist unmöglich sich alle zu merken, aber erinnern können wir, auch wenn es nur Einzelschicksale sind. Und erinnern müssen wir, damit wir endlich einmal lernen.
Lotte

PS: Zum Thema Einzelschicksale. Ich habe im Alter zwischen 9 und 14 alle möglichen Geschichtsbücher zu diesem Thema verschlungen. Natürlich zunächst die kindgerechten ("Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", "Malka Mai" etc) , aber im Alter von 13 oder 14 habe  "weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger gelesen, ich kann es nur empfehlen. Ein Einzelschicksal, das einen nicht mehr los lässt. 
Bildquelle: http://www.dtv.de/buecher/weiter_leben_11950.html

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