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WGT 2014: Warum Grufties nicht in Särgen schlafen

Bildquelle: https://m.flickr.com/#/photos/13921604@N02/14338392136/in/set-72157644633597027/
Knapp eine Woche ist seit dem WGT vergangen. Unzählige Eindrücke und Bilder mussten ver- und bearbeitet werden. Und so kommt es, dass ich erst jetzt einen Blogeintrag dazu veröffentliche. Zu viel haben wir gesehen und erlebt um es "mal eben schnell weg zu bloggen".
Heute also mein persönlicher Eindruck vom Wave-Gotik-Treffen 2014.
Es wird heute eine Bilderflut und einen langen Text geben, nur so als kleine "Vorwarnung" ;-)
Ich bin ja mehr oder weniger durch meinen Freund dazu gekommen, mich mit der "Schwarzen Szene" zu beschäftigen. Die Musik fand ich schon immer gut und hörte sie auch schon als Teenager gerne. So richtig getraut mich mal in der Szene direkt umzuschauen, habe ich mich damals jedoch nicht. Das kam erst in der letzten Zeit. Ich gehe gerne auf Partys ins Darkflower, einen bekannten schwarzen Club in Leipzig, genieße die Musik und all die vielseitigen und interessanten Menschen, die man kennen lernt. 
Dieses Jahr war mein erstes WGT, mein erstes Wave-Gotik-Treffen, an dem auch ich mit Bändchen am Handgelenk teilgenommen habe. 
Was ich erwartet habe? Nun, das ist schwer zu sagen, viel buntes Schwarz würde es vielleicht ganz gut zusammen fassen. Das WGT bietet ein umfangreiches Programm. Neben den für ein Festival üblichen Konzerten, kann man verschiedene Kulturverantsaltungen, Lesungen, Kinofilme und Museen kostenlos besuchen. Vom viktorianischen Picknick bis hin zu einer Fetisch Party ist alles an diesem Wochenende vertreten was man sich vorstellen oder auch nicht vorstellen kann. 
Ich nehme euch heute mit auf eine kleine Reise über das WGT 2014. Kurz erzähle ich euch was wir jeden Tag gemacht haben und was es alles zu sehen und zu erleben gab. Ein paar kleine Youtubevideos der entsprechenden Bands, die wir uns angesehen haben, gibt es auch dazu, falls sich jemand eine kleine Vorstellung der Musik machen möchte.
Dafür möchte ich euch bitten einmal kurz das übliche Klischeedenken über schwarz angezogene Menschen, die depressiv in der Ecke stehen und am liebsten in Särgen schlafen außen vor zu lassen. Sei ihr bereit?
Na dann: Auf geht's :-)

Donnerstag: Ich seh alles nur noch schwarz oder Beginn eines bunt schwarzen Festivals 

Am Donnerstag ging es los das Bändchen abholen. In weiser Voraussicht sind wir dafür zum agra Gelände gefahren. In der Innenstadt am Bahnhof musste man knappe 2 Stunden anstehen um ein Bändchen ums Handgelenk zu bekommen. Wohlgemerkt: Obwohl man die Karte schon gekauft hatte. Die Karte für das WGT kostete dieses Jahr 99€ und beinhaltete Eintritte für alle Konzerte und Veranstaltungen, sowie kostenloses Bahn fahren innerhalb der Stadt.
Ich trage den ersten Tag ein relativ normales schwarzes Outfit, werde aber gleich grinsend von einer Frau, die mit uns im Haus wohnt, angesprochen: "Sie gehen zum Wave Gotik Treffen oder?" Ein Besonderheit an Leipzig: Die ganze Stadt freut sich irgendwie, dass die Gruftis wieder in die Stadt kommen. Es zeigt sich durchweg ein freudiges Interesse und der Satz den wir an diesem Wochenende am meisten hören werden ist "Oh wie toll!!! Darf ich ein Foto machen?!"
In der Straßenbahn sind dann tatsächlich alle in schwarz, bis auf eine Mutter, mit ihren zwei ganz in rosa gekleideten kleinen Mädchen. Komisch, dass ausgerechnet die jetzt auffallen.
Nachdem wir das Bändchen geholt haben gucken wir auf diversen Eröffnungspartys vorbei. Lange bleiben wir nicht, es heißt Kräfte sparen für die nächsten Tage.
Die Schlange zur Bändchenausgabe am Leipziger Hauptbahnhof

Mein Normalo Outfit zum WGT
Freitag: Wandeln in einer anderen Zeit von viktorianisch bis Wagner

Den Freitag stehe ich früh auf um mir die Haare zu machen. Das dauert insgesamt über 2 Stunden, hält dafür den ganzen Tag und wird fortan bis Sonntag täglich so weiter geführt. Doch am Freitag ist Aussehen wirklich wichtig. Es geht nämlich zunächst zum viktorianischen Picknick in den Park. Auf dem Weg dorthin zerfließen wir zwar vor Hitze, aber sind voller Vorfreude auf ein Picknick unter lauter Menschen, die sich heraus geputzt haben um die Sonne und das WGT zu genießen. Viel Zeit haben wir jedoch nicht, es heißt sich beeilen, denn als WGT Besucher hat man am Freitag freien Eintritt zu Wagner Reloaded. Allerdings stehen nur 600 Karten zur Verfügung. Das heißt pünktlich da sein und Schlange stehen (wird zu unserer Lieblingsbeschäftigung), dabei lernen wir spannende Menschen kennen, mit denen wir sofort eine angeregte Unterhaltung beginnen. Was soll man auch anderes machen, bei fast 2 Stunden Wartezeit... Die Show an sich überzeugt mich nicht, über den hohen Eintritt hätte ich mich geärgert, wenn ich ihn tatsächlich hätte zahlen müssen. Um es sich einmal kostenlos anzusehen, nimmt man jedoch auch die Plätze auf Papphockern im Innenraum in Kauf, die man immer wieder verlassen muss, damit diverse Wagen, Karren und seltsame Gestalten passieren können. Mitmachtheater mit Wagner sozusagen. 
 Danach müssen wir uns erst einmal vor dem Hungertod retten und machen uns nachdem dieser erfolgreich abgewendet wurde auf zum "Dunkelromantischen Tanz" ins Städtische Kaufhaus. Dort treffen wir wunderschön angezogene Menschen, die in herrlicher Kulisse mal eine etwas andere Disco erleben. Es ist und bleibt mein Partyhighlight des WGTs :-)
Bildquelle: https://m.flickr.com/#/photos/13921604@N02/14338392136/in/set-72157644633597027/
Wagner Reloaded. Damit hatte sich die WGT Karte refinanziert
Der Trailer zur Wagner Reloaded ist um einiges beeindruckender als das Stück an sich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass wir ständig aufstehen mussten ;-)
Dunkelromantischer Tanz im Städtischen Kaufhaus
Schattenspiel beim Dunkelromantischen Tanz
Und ein kleiner Schlummerrtunk
Samstag: Gebt mir Kultur- und niemand wird verletzt ;-)

Bildquelle: http://gelf-foto.de/index.php/2013-02-08-22-19-56/wave-gothic-treffen/wgt-2014#
Nach dem alltäglichen Frisurkampf machen wir uns kurz auf den Weg in Richtung agra. Dort schauen wir einmal über das Gelände, das heißt, wir versuchen es, denn Fotografen stürzen noch und nöcher auf uns. Das passiert vielen Menschen dort und ist ja auch irgendwie ganz lustig, nur Zeitdruck sollte man nicht haben. Sogar ein Fernsehteam spricht uns an, ob sie nicht einen Film mit uns und unserm Tag auf dem WGT machen können. Nach einigen Überlegungen lehnen wir dankend ab. So schön es ist, es würde auch enormen Aufwand bedeuten und irgendwie nicht zu uns und unserem WGT Plan passen.
Kurz schauen wir auch auf das Heidnische Dorf, einem Mittelalterdorf, das zum WGT gehört. 
Danach machen wir uns auf in Richtung Kino. Zum Glück ist es dort klimatisiert, denn Leipzig schmilzt langsam in Schwarz vor sich hin. Dort besuchen wir den fantastischen Vortrag von Lydia Benecke, eine Rechtspsychologin, die über die Psychologie des Bösen spricht. Besonders für mich unglaublich aufschlussreich. So sehr, dass ich ihr und ihrem Buch einen speziellen Blogeintrag widmen möchte. 
Danach schauen wir uns noch eine Lesung von Markus Heitz an, grundsympathisch und durchaus interessant. Ein kurzes Flanieren durch die Stadt ("Ohhhhhh darf ich ein Foto machen?" und große Augen von kleinen Mädchen inklusive) war danach dran. Dieses Jahr fielen das Leipziger Stadtfest UND das WGT auf ein Wochenende. Die Massen in der Stadt könnt ihr euch also vorstellen. (allein 21.000 Besucher hat das WGT jährlich!!!)
Danach geht es Abends auf Heidnische Dorf. Ein wunderschönes Flair.. Leider vertrage ich das Essen nicht und bin für den Rest des Abends ausgeknockt.:-(
Viktorianisch im klimatisierten Kino mit Softgetränken, was will man mehr?
Genialer Vortag!!!
Lotte im Glück. Das Buch hatte ich nach 2 Tagen durchgelesen.
Sonntag Eine Reise durch die Modewelt und  Konzerte.

Den Sonntag begannen wir mit einer Führung im Grassimuseum.
Das "Feuerwerk der Eitelkeiten" nahm uns mit auf eine Reise durch die Modewelt im Wandel der Jahrhunderte. Danach gab es einen kurzen Abstecher in die Sixtina, eine Leipziger Absintherie.
Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, auch ohne WGT. Auf Alkohol haben wir bei den tropischen Temperaturen jedoch dankend verzichtet. Der obligatorische Abstecher zum Heidnischen Dorf war auch dieses Mal wieder Tagesordnungspunkt bevor es am Abend, in Kleidung ohne lange Schleppe zu den Konzerten ging. 
Angeschaut haben wir uns Finsterforst, (Überraschung des Abends: laut, brachial und extrem cool) Umbra et Imago (provokant, aber sehr cool) und Tarja (extrem schlecht. Die Band war der Hammer, aber die Frau traf nicht einen Ton!!! Weder in der hohen noch in der tiefen noch in der Mittellage. Unglaublich, aber wahr. Folter ohne Gleichen, was auch diejenigen mitbekommen haben, die mit Gesang sonst nichts am Hut haben. Live ist der Gesang eine Katastrophe, aber ich kann mir vorstellen dass der Tontechniker eine ganz ordentliche CD hinbekommen hat. Die Band, ohne Frage, GENIAL!)
Normale langweilige Klamotten. Da kommt kein "Ohhh!!! Darf ich ein Foto machen?" ;-)
Am Abend wird es kühler, da geht auch ein Absinth ;-)

Finsterforst, der Name ist Programm ;-)


Eine "seichte" Version von Umbra et Imago für euch ;-)

Tarja, wie gesagt Live OH NEIN lasst es bleiben!!!


Montag Wir machen dann mal ruhig...

Eigentlich wollten wir den Montag ruhig angehen lassen. Abends zu den Psychobilly Bands und zu Oomph! gehen und ansonsten entspannen. Aber dann, naja, was halt so dazwischen kommt. 
Ein Freund von uns empfahl uns die Ausstellung in der "Runden Ecke" zu Gothics in der DDR.
"Kinder der Nacht unangepasst und überwacht" beschäftigte sich mit der Schwarzen Szene in der DDR. Einerseits musst man über die köstlichen Rechtschreibfehler der Stasi lachen 
(aus The Cure wurde mal eben De Kujre, Psychos wurden Seicos und Thrash Metal zu Dresch Metal), andererseits war die Spießbürgerlichkeit, die Kleinkariertheit und das Schubladendenken derartig erschreckend, dass mir persönlich das Lachen im Hals stecken blieb. 
Sehr häufig las man, dass Grufties in Särgen schlafen, sich mit 25 umbringen oder heiraten (ist ja fast dasselbe was ;-)) und sowieso am liebsten auf Friedhöfen mit Leichen kuscheln, frei nach dem Motto: 
Erst buddeln dann knuddeln. Ist klar ne?
Was genau davon alles der Wahrheit entspricht- ihr könnt es euch sicher denken. 
Und auch wenn wir alle Scherze machten,wir würden dann jetzt Mal den Sarg kaufen gehen, war es zur damaligen Zeit natürlich alles andere als lustig. 
Nach der Ausstellung hieß es dann erneut anstehen. 
Nicht, dass Mark Benecke nicht schon am Samstag und Sonntag gelesen hätte, aber wir haben es leider erst am Montag geschafft. 
Unsere Annahme dementsprechend leer sei es dann auch wurde gleich einmal widerlegt. Sehr passend, denn sein Vortrag beschäftigte sich mit falschen Grundannahmen. Klasse, unterhaltsam und lehrreich. Was will man mehr?
Danach fuhren wir ins Täubchenthal um uns Kitty in a Casket anzuhören. Leider war die Zeit knapp bemessen. Und wir hätten uns am Liebsten zweigeteilt. Nicht nur die Bloodsucking Zombies from Outer Space konnten wir aus Zeitgründen leider nicht sehen, auch eine unserer Lieblingsband, die Creepshow, spielte parallel zu Oomph!, für die wir uns an diesem Abend ebenso entschieden wie für Folk Noir und eine Flasche Met auf dem Heidnischen Dorf. Dort habe ich auch das erste Accessoir für mein nächstes WGT gekauft. Ein paar schwarze Flügel. ^^
Und dann, nach dem Konzert von Oomph!, war es plötzlich vorbei. 
Ein seltsames Gefühl und wirklich schade, aber nichtsdestotrotz: Es hat sich gelohnt!!!
Schon klar, oder?
Das Täubchenthal war wirklich eine der schönsten Locations auf dem WGT
Das Heidnische Dorf
Ein Met in Ehren kann niemand verwehren. 

Neue Accessoirs fürs nächste Jahr :-)
Und hier wieder ein paar Hörproben :-)

Kitty in a Casket. 
Ich liebe, liebe, liebe Bands mit echtem Kontrabass auf der Bühne. Das wirkt gleich ganz anders.
Kitty ist gefühlt 1,50m groß, zieht aber eine Show auf der Bühne ab dass man es kaum für möglich hält. Sie springt quasi komplett durch... während sie singt.


Folk Noir
Ruhig, besinnlich und ein extremer Kontrast zu Kitty. Wir haben sie uns ganz ungeplant angeschaut, als wir auf dem Heidnischen Dorf waren. Wirklich schön. 

Ooomph!
Braucht man nicht vorzustellen, ist bekannt. Sie waren übrigens das Vorbild für Rammstein. 
Nicht andersrum ;-)


Und, obwohl wir sie leider nicht sehen konnten:
The Creepshow. 
Leider inzwischen ohne Sarah Blackwood, die ihr sicher von Walk off the Earth kennt (Ja das kleine blonde Mädchen an der Gitarre, die so süß und unschuldig guckt... Das ist die 43! jährige Sarah Blackwood)
 Die machen wirklich Stimmung.

Ich hoffe ich konnte euch einen kurzen  Eindruck vom WGT verschaffen. Es war wirklich unglaublich, in jeder Hinsicht. Egal wir gruselig manche Menschen auf den ersten Blick dort aussahen (auf den zweiten schon gar nicht mehr) sie waren alle ausnahmslos nett, freundlich und hilfsbereit, halfen mit Pflastern bei Blasen an den Füßen, sorgten für eine entspannte Atmosphäre und hatten einfach Spaß, bevor sie sich, ebenso wie wir, bis zum nächsten Jahr in einen Sarg zum Schlafen betteten ;-)
Zum Abschluss noch mein liebstes Accessoir, das ich leider nur Zuhause mit mir herum schleppen konnte.
Ich wünsche euch einen wunderbaren Start in die Woche
Liebste Grüße (inklusive Pommesgabel)
Lotte

PS: Ein unglaublich gutes Interview von Mark Benecke über das WGT findet ihr hier
Wer generell ein bisschen etwas über die Schwarze Szene sehen will: Dieser Fernsehbeitrag ist gar nicht schlecht dafür. 

Kommentare

  1. Ach, JETZT weiß ich, was kürzlich bei den Wohnungsfotos fehlte... Der Sarg! ;-)

    Schönen Dank für den interessanten Erlebnisbericht! :-)
    Liebe Grüße
    Nele

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