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Die Geschichte vom verlorenen Teddybär

Heute vor 70 Jahren fand Stauffenbergs Attentat auf Hitler statt. Das kennt jeder aus seinen Geschichtsbücher, es ist (besonders heute) medial präsent und wird von Geschichtsdokus, Zeitschriften und Professoren durchgekaut und das ist auch gut so.
Ich habe schon häufiger über den Zweiten Weltkrieg und Gedenktage geschrieben. (Zum Beispiel  hier und hier), aber heute das ist anders- heute ist es persönlich.
Ich kann verstehen, dass ihr auf einem Lifestyleblog keine Gruselgeschichten über Hitler lesen möchte.
Auf einem Lifestyleblog ist die Welt schön und bunt und die Sonne scheint immer.Und das ist auch gut und wichtig so, wer will schon die ganze Zeit miese Gedanken lesen
Aber heute möchte ich euch bitten nicht wegzuklicken, nicht den nächsten Blog aufzurufen, der schöne bunte Bilder hat, sondern kurz hier zu bleiben. Statt bunter Bilder passt diese Musik (5. Klavierkonzert von Beethoven, Adagio, die schönste Musik, die ich kenne), die mich während des Schreibens des heutigen Posts begleitet hat.

Der Mensch, um den es heute gehen soll, hat es nämlich verdient, dass man seine Geschichte hört.
Der Mensch, über den ich heute schreibe, verdient es nicht vergessen zu werden.
Der Mensch, um den es heute gehen soll ist mein Urgroßvater Arnold Scheeren.
Arnold Scheeren starb am 5. November 1944 durch eine Giftspritze der Nazis.
Davor war er in den Konzentrationslagern Sachsenhausen (nach Recherche meines Vaters, der ihn  in den entsprechenden Unterlagen fand) und Bergen-Belsen (nach dieser Quelle).
Es ist schrecklich die Geschichte eines Menschen mit seinem Tod zu beginnen, aber wie so viele der Oppositionellen im Nationalsozialismus ist es am Ende das, was in Erinnerung bleibt: Der Tod.
Geboren wurde mein Urgroßvater 1879 in Kohlscheid (bei Aachen).
Wie beinahe alle Männer der damaligen Zeit, musste auch er in den Ersten Weltkrieg.
Dort wurde er bei Verdun 6 Tage verschüttet.
Nach Hause kehrte er mit dem Grundsatz "Nie wieder Krieg".
Als Mann mit ausgeprägten christlichen Grundsätzen und Glauben wurde er Mitglied der der Zentrumspartei und gründete die "Christliche Gewerkschaft" zusammen mit dem späteren Ministerpräsidenten von NRW, Karl Arnold.
Auch sonst war mein Uropa politisch tätig, so war er Mitglied des Kreistags in Aachen, Aufsichtsratsvorsitzender der Preußischen Knappschaft, sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Reichsknappschaft.
Bereits in den 20er Jahren sah er nicht nur den Aufstieg Hitlers vorher, sondern war der Meinung Hitler bedeute Krieg.
Bereits damals wurde er von diversen SA Schergen auf offener Straße verprügelt- dennoch ließ er sich weiterhin nicht beirren.
Auch nicht 1933, zur letzten Reichstagswahl, als Hitler schon 2 Monate an der Macht war.
Er ließ sich für die Zentrumspartei als Kandidat für den Reichstag aufstellen.
Zu seinen Wahlkampfverantstaltungen wollte kaum jemand kommen, denn dort nahm er was Hitler und die Nationalsozialisten anging kein Blatt vor den Mund.
Fast unnötig zu sagen, dass nicht er, sondern ein Mitglied der NSDAP letztendlich gewählt wurde.
Was das für meinen Urgroßvater bedeutete? Er verlor all sein Ämter und war, trotz seines Alters, dazu gezwungen als Fahrhauer Untertage zu arbeiten.
1934 wurde er kurzfristig verhaftet, aber nach ein paar Tagen ziemlich ramponiert wieder freigelassen.
Dennoch, ich glaube er konnte nicht anders, gründete er im Raum Aachen ein "Anti-Hitler-Netzwerk", dass ihn unter anderem mit der christlichen Widerstandbewegung  (unter anderem Alfred Delp und Carl Friedrich Goerdeler) in Kontakt brachte.
Nach dem Attentat auf Hitler von Stauffenberg wurde er am 22.August 1944 im Rahmen der Aktion Gitter (auch Aktion Gewitter genannt) verhaftet.
Zunächst wurde er für einige Tage im Keller des sogenannten "Bürgermeisteramtes" festgehalten.
Dieser Keller besaß ein kleines Fenster auf Höhe des Bürgersteigs.
Die für mich ergreifendste Begebenheit in diesem Zusammenhang ist die Folgende:
Mein Onkel, damals ein kleiner Junge von fünf Jahren, besuchte meinen Urgroßvater an diesem Fenster.
Dort reichte er ihm Butterbrote durch die Gitterstäbe und auch einen kleinen Teddybären, 'damit der Opa nicht so allein ist.'
Dass dies auch für den kleinen Jungen gefährlich war steht außer Frage.
Trotzdem sollte der Opa nicht alleine sein.
Am Ende war es dann wahrscheinlich doch.

Zunächst wurde er in das große Sammellager im Kölner Stadion verlegt und von dort aus in das KZ Sachsenhausen transportiert, dort ist er auch in den Unterlagen vermerkt, die mein Vater sich ansehen konnte.
Wie und wie lange und wann er nach Bergen-Belsen kam weiß ich nicht. In dieser Quelle steht, dass er dort war und Umtransportieren von Gefangenen war bei den Nazis alles andere als unbeliebt- es ist also gar nicht unwahrscheinlich.
Im Herbst 1944 hatten die Konzentrationslager ein gewaltiges Problem: Die Juden, die bis dahin in KZs in den Ostlagern untergebracht waren, wurden zunehmend in Lager des "Altreichs" verlegt, damit sie den Befeiern nicht in die Hände fielen. Der SS verblieb zu wenig Zeit die Gefangenen an Ort und Stelle umzubringen und so wurden sie auf langen Märschen nach Deutschland verlegt.
Der Platz in den Konzentrationslagern wurde demnach noch enger.
Alte Oppositionelle, wie auch mein Urgroßvater, taugten weder zu Sklavenarbeit, noch konnte man sie einfach frei lassen.
Dennoch nahmen sie den dringend benötigten Platz "weg". Die, für die Nazis natürlich auf der Hand liegende, "Lösung" war recht einfach: Umbringen.
Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt Vergasungsräume und Krematorien mit den jüdischen Gefangenen völlig "ausgelastet". (Die Amerikaner standen damals schon am Rhein- man musste sich beeilen)
Kurzerhand entschloss man sich, den Menschen eine Giftspritze zu verpassen, die sie noch einige Stunden am Leben ließ, und sie dann nach Hause zu schicken.
Offiziell hatte man dadurch mit dem Tod (und der Beerdigung) nichts zu tun.
Bis heute wird viel berichtet dass damals Heimgekehrte an den "Folgen der Misshandlung" starben.
Das mag sein, aber im Falle meines Urgroßvaters war es nicht so.
Dies berichtet mein Onkel, der dabei war als der Opa, ohne den Teddybär, zurückkehrte.
Mein Urgroßvater starb am 5.11.1944 an den Folgen einer Giftspritze.
Das Einzige, was man dabei vielleicht als positiv ansehen kann war, dass er nicht im KZ, sondern bei seiner Familie starb.
Am Ende war er also nicht ganz verlassen.
Unmittelbar nach seinem Tod kam die GeStaPo, untersagte die Obduktion des Leichnams und diktierte dem Arzt den Totenschein.
Keine Fragen, keine Gnade, keine Güte. Einfach "nur" ein Tod, einer von so vielen.
Warum ich heute über meinen Uropa schreibe?
Er war wohl kein Held in protziger Uniform, der auf einem weißen Pferd ritt und die Welt auf ewig von allem Bösen befreite.
Er war vielmehr, so berichten diejenigen, die ihn kannten, ein sanfter und lieber Mensch, der nicht bereit war seinen Idealen untreu zu werden und sein Menschsein zu verraten.
Ein, wie es mein Vater ausdrückt, kleiner Käfer, der von einem Marschstiefel zertreten worden ist.
Sanftheit, Menschsein und Liebe sind und bleiben die furchteinflößendsten Waffen in jedem Regime, das darauf baut  dem Menschen sein Menschsein zu nehmen und aus ihm Gewalt zu machen- Sei es ein Opfer, Täter oder Fürchtender der Gewalt.
Sie sind und bleiben die Eigenschaften, die gefährlich werden, denn sie haben eine Kraft, die sich nicht ausprügeln, töten und vernichten lässt.
Die Menschlichkeit an sich.
Ich glaube daran und deswegen schreibe ich heute über Arnold Scheeren, einen Mann, der zu keinem Zeitpunkt in seinem Leben bereit war diese Ideale der vermeintlichen Sicherheit des Mundhaltens und Wegschauens unterzuordnen.
Ruhe in Frieden.
Bildquelle: http://www.drfasel.de/wege/scheeren.pdf

Liebe Grüße
Lotte

PS: Normalerweise ist es mir egal ob und wie viele Menschen meine Posts lesen. In diesem Fall, gerade weil mein Urgroßvater droht in Vergessenheit zu geraten, freue ich mich außerordentlich, wenn ihr den Link weiter teilt und vielleicht davon erzählt.

Kommentare

  1. Liebe Lotte,
    ich habe deinen Beitrag wirklich gern gelesen und finde, dass er auch sehr gut hierher passt. Er befindet sich ja nicht zwischen Make-up- und Produkttest-Postings, wie in so manchem anderen Blog.
    Dein Text hat mich sehr berührt und die Geschichte deines Urgroßvaters verdient es, erzählt zu werden. Gerne werde ich ihn bei Gelegenheit auf meinem Blog verlinken.
    Viele liebe Grüße
    Nele

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