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Remember, remember the ninth of November

... Irgendwie habe ich ja fast ein wenig schlechtes Gewissen. Zur Zeit bin ich doch etwas ernst unterwegs und schreibe Texte, die nicht unbedingt immer nur gute Laune machen. auch heute müsst ihr leider noch einmal dadurch, bevor es dann bald ein Rezept gegen Traurigkeit und schlechte Laune gibt (im wahrsten Sinne des Wortes).
Aber heute muss es noch einmal sein. Warum? Weil gestern der neunte November war.
Und, im Gegensatz zu dem netten Reim auf den ich im Titel anspiele (wer hat es erkannt?), ist an diesem Tag nicht ein katholischer Terrorist mit einem Anschlag gescheitert, sondern einiges andere in der Weltgeschichte passiert.
Das offizielle Ende der französischen Revolution durch einen Staatsstreich von Napoleon Bonaparte zum Beispiel, der Ausruf der Republik in Deutschland 1918, der Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, die Pogromnacht 1938, der Fall der Berliner Mauer 1989... Und das sind nur die Ereignisse, die jedem von uns recht schnell in den Sinn kommen.
Ein Tag, der im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte gemacht hat. Immer und immer wieder.
Ich bin mir sicher, es gibt Verschwörungstheoretiker, die genau erklären könnten warum das der Fall ist. Aber darum soll es heute gar nicht gehen.
Bei all diesen Ereignissen, die in der Vergangenheit stattfanden, ist eine Sache immer ganz klar. Auf der einen Seite stehen die Guten und auf der anderen Seite die Bösen. Ziemlich klare Rollenverteilung, wurde uns in Geschichte perfekt beigebracht. Und ja, auch ich bin der Meinung, dass die Nazis keine guten Menschen waren und ihre Taten verabscheuungswürdig und böse waren/sind (muss man in Zeiten brennender Asylunterkünfte ja leider wieder mehr betonen).
Was mich jedoch irritiert sind die klaren Verneinungen, die von vielen Menschen kommen.
"Nein, WIR hätten so etwas NIE gemacht!"
Leider steht mir in diesem Punkt mein Studium im Weg. Das Wissen um Bystandereffekte, das Milgram-Experiment oder die Versuche von Zimbardo lassen mich die ganze Sache etwas kritischer betrachten.
Weiß ich wie ich reagieren würde? Nein. Ich wünsche mir natürlich, dass ich ein Held wäre, dass die Normen und Moralvorstellungen, die ich habe, stark genug sind um meine Angst zu überwinden, mich Dingen in den Weg zu stellen und aufzustehen gegen Unrecht.
Und doch... Sicher kann ich es nicht sagen. Denn ich war noch nie in einer solchen Situation und ich bin sehr, sehr dankbar dafür.
Menschen, die mit dem Inbrunst der Überzeugung von sich behaupten, sie wüssten wie sie handeln, dass sie Helden wären, sich stark machen würden in dieser Situation sind mir ein wenig suspekt. Denn niemand von uns weiß, wie die Realität aussehen würde, welche dunkle, kleine und feige Seite dann vielleicht die Überhand gewinnen mag und ob wir tatsächlich noch mutig für Menschenrechte plädieren, wenn unsere Familie bedroht wird.
Natürlich wäre das wundervoll und es gibt solche Menschen (man denke allein an die unzähligen Widerstandsbewegungen, die es trotz allem im Naziregime gab oder an die damals noch guten Ausrufe "Wir sind das Volk!" als die Mauer fiel), nur wir können nicht per se davon ausgehen, dass wir zu ihnen gehören.
Es ist leicht sich im Nachhinein über Mitläufer, Bystander und den normalen Bürger zu erheben. Über jene Menschen, die nicht laut wurden, die keinen Widerstand leisteten.
Was wir vergessen ist die Angst. Die Angst bei einem falschen Wort abgeholt zu werden, Folter zu erleben, den eigenen Tod vor Augen zu haben und vielleicht sogar den Tod der gesamten Familie, den man in diesem Moment auch zu verantworten hätte. Arrogant schauen wir zurück in der Geschichte, wir, die wir den Ausgang kennen, und sagen "Wie konnte man damals keinen Widerstand leisten?"-
Wir alle haben eine dunkle Seite, einen feigen kleinen Anteil, der sich duckt und hofft, dass ihm schon nichts passieren wird, wenn er nur schön den Mund hält.  Das zu verneinen ist gefährlich. Wenn wir um diesen Teil in uns nicht wissen oder ihn von uns weg schieben, dann können wir auch nicht lernen mit ihm umzugehen.
Natürlich können wir heute auf Demos für Menschlichkeit und Toleranz gehen. Das ist auch eine vorbildliche Sache und wunderbar, aber wir sollten nicht vergessen, dass uns dies keineswegs sofort automatisch zu guten Menschen macht. Ein Zeichen setzten ist wichtig und gut.
Trotzdem sollten wir nicht die Augen davor verschließen, dass wir keineswegs immer nur die Guten sind, auch wenn wir glauben es zu sein.
Niemand kann es im Endeffekt treffender ausdrücken als Mr. Hemingway...
In diesem Sinne wünsche ich euch einen wundervollen Start in den Tag
Liebste Grüße
Lotte

Kommentare

  1. Wunderbar!
    Besser kann man es nicht sagen. Arnold wäre stolz auf Dich.
    Hansi

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