Direkt zum Hauptbereich

Charakterstudien

Zu Weihnachten bekomme ich traditionell ein Buch geschenkt.
Als meine Mutter mich fragte, was ich mir dieses Jahr für ein Buch wünsche, war meine Antwort klar: "Entweder die 'Große Enzyklopädie der Serienmörder' oder 'Charakter- die Kunst Haltung zu zeigen' von David Brooks."
Meine Mutter hielt Ersteres für kein angemessenes Weihnachtsbuch und so lag Heiligabend der dicke Wälzer von David Brooks unter dem Weihnachtsbaum.
Ich freute mich riesig darüber, begann gleich darin zu lesen und --- schaffte es erst gestern es zu beenden.
Eigentlich bin ich eine schnelle Leserin, die Bücher innerhalb weniger Tage verschlingt.
Dieses Mal verhielt es sich jedoch anders. Zum einen hatte ich nicht viel Zeit zum Lesen in den letzten Wochen und außerdem ist es keine besonders einfache Lektüre gewesen.
Denn bei David Brooks Buch habe ich mehrfach innehalten und nachdenken müssen.
Ich habe eruiert welche Aspekte ich mir mitnehmen möchte und was ich an diesem Buch kritisch betrachte. Alles in allem seit langem einmal wieder ein Genuss. Ich liebe es meinen Geist beim Lesen herauszufordern, mir Fragen zu stellen und kritisch über Gelesenes nachzudenken.
In vielen Punkten ging ich mit dem Autor d'accord - in anderen wiederum überhaupt nicht. Großartig!

Bildquelle: https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/236x/e9/6e/40/e96e40327c9426adfcf82b3b2dc38997.jpg

Das Buch ist ungewöhnlich, aber sehr spannend aufgebaut.
Nach einer kurzen Einführung zu seiner Charaktertheorie gestaltet Brooks zehn Kapitel mit Kurzbiografien über herausragende Persönlichkeiten der Weltgeschichte.
Von George Eliot über Dwight D. Eisenhower und Augustinuns bis hin zu Bayard Rustin, George Marshall und Samuel Johnson werden unterschiedliche Lebenswege präsentiert, die alle eine Sache gemeinsam haben: Den Kampf gegen die eigenen Schwächen, Hingabe für eine größere Aufgabe und das Bestreben den eigenen Charakter zu vervollkommnen.
Ganz nach Brooks Idee von Adam I und Adam II ringen diese Personen mit sich,  um sich selbst am Ende zwar nicht zu bezwingen, sondern gefestigt daraus hervor zu gehen. 
Brooks vertritt die Ansicht, dass wir Menschen zwei unterschiedliche Klassen an Eigenschaften besitzen, die jeweils einem Adam zugeordnet werden kann.
Während Adam I nach Macht strebt, ehrgeizig ist und Karriere machen will, ist Adam II zuständig für die "Trauerredentugenden" wie Mut, Liebenswürdigkeit, Hingabe an etwas, Demut und Treue.
Nur wenn wir langfristig Adam II bestärken, uns mit ihm auseinandersetzen und vervollkommen, so Brooks, werden wir ein erfülltes Leben führen.
In der heutigen Zeit wird sehr viel Wert auf Adam I gelegt. Wer du bist entscheidet sich vor allem dadurch wie erfolgreich, ehrgeizig und angesehen du bist. Es ist nichts schlechtes an Erfolg, Ehrgeiz und Status, jedoch macht laut Brooks die alleinige Fokussierung darauf weder glücklich noch uns selbst zu einem besseren Menschen.
Statt immer nur auf Adam I zu schielen, sollten wir seiner Meinung nach mehr Adam II in unser Leben integrieren. Mehr Hingabe, Liebe und Aufrichtigkeit leben, als ausschließlich den Fokus auf den äußeren Schein zu legen.
https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/564x/86/97/2a/86972a67f51a3cc05385fccd28d66148.jpg

Das klingt alles sehr nach Gutmenschentum und schulmeisterlichem Zeigefinger heben, ist jedoch anhand der Biografien so eindrücklich, spannend und unterhaltsam dargestellt, dass es mich wirklich beeindruckt hat. 
Zudem bekam ich einen kurzen Abriss vom Leben bedeutender Persönlichkeiten gleich mit dazu.
Mich hat das Buch wirklich zum Nachdenken angeregt. Viel kreiste während und nach der Lektüre durch meinen Kopf, was auch die lange Lesezeit erklärt. 
David Brooks ist ein sehr konservativer Autor, was per se nichts Schlechtes ist, bei meinem jungen und noch etwas ungestümen Geist aber bisweilen Widerstand erzeugte. Auch merkt man dem Autor deutlich an, dass er aus einer ganz anderen Generation kommt als ich.
Dennoch faszinierte mich seiner Denkweise und brachte mich dazu in mich zu gehen.
Viele Wege der eigenen Vervollkommnung sind uns fremd geworden, besonders wenn wir uns auf Adam I fokussieren. Nichtsdestotrotz erlebe ich auch in mir den Wunsch nach mehr als "nur" Karriere, Ansehen, viel Geld und die nächste Party.
Bedürfnisbefriedigung ist eine schöne Sache- Sie hält nur meist nicht dauerhaft an.
Wir suchen dann häufig sofort den nächsten Kick, das nächste Abenteuer, die nächste Party, den nächsten Sprung auf der Karriereleiter.
Dass uns all dies nicht glücklich macht, ahnen wir in unserem Inneren sehr wohl, aber manches Mal drückt uns die Angst nieder, dass es kein "Mehr" gibt, dass nur der äußere Glanz zählt und wir allein darauf bauen müssen.
Besonders begeisterte mich der Ansatz, dass wir es sind, die uns entwickeln können.
Allein in uns ist laut Brooks die Fähigkeit Adam II zu stärken und an uns zu arbeiten um Tugenden zu entwickeln.
Dabei muss dies kein harter, bösartiger Kampf voller Selbstzerfleischung sein, sondern entwickelt sich durch ein entsprechendes Verhalten und eine bewusste Entscheidung in der einzelnen Situation.

"Durch den Ausdruck von Höflichkeit wird man höflich. Durch den Widerstand gegen Furcht entwickelt man Mut. Durch die Kontrolle der Mimik wird man ruhig und gelassen. Das Verhalten geht der Tugend voraus." (David Brooks: "Charakter - Die Kunst, Haltung zu zeigen" Übersetzung aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt Kösel Verlag, 2015, Seite 192 )

David Brooks Buch hat mich aufgerüttelt und mich zum Denken gebracht. Es war also mit Abstand mein allerbestes Weihnachtsgeschenk!



Ich wünsche euch einen wundervollen Mittwoch
Liebste Grüße
Lotte

PS: Für Ostern hoffe ich trotzdem auf die Enzyklopädie der Serienmörder ;)

Kommentare

  1. Habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden
    Mecki

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Haha... Das war schon mit ganzen Zäunen winken ;)

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über eure Anmerkungen und Kommentare :-)

Beliebte Posts

Vom Heimweh oder vom guten Gefühl der Melancholie

Am letzten Wochenende war ich in Leipzig. Eine liebe Freundin von mir feierte eine große WG Party und ich traf mich außerdem mit Dr. Ralf Friedrich (seinen Gastbeitrag könnt ihr hier lesen), seiner wundervollen Freundin und dem nicht minder wunderbaren Hund Professor Lupin. 
Und ich bekam Heimweh.  Heimweh bekomme ich jedes Mal, wenn ich nach Leipzig fahre. So ein komisches Ziehen in der Bauchgegend und ein bisschen schlucken müssen, wenn ich nach Hannover zurück kehre.  Und irgendwie macht mich das immer ein bisschen unzufrieden. Denn, um ehrlich zu sein, ist das Jammern auf hohem Niveau. Schließlich ist es nicht so, dass ich zurück in die Hölle fahre, sondern zu lieben Freunden, einer Arbeit, die mir großen Spaß macht und so vielen Veranstaltungen, dass ich das Ganze auch locker in ein halbes Jahr packen könnte.  Und trotzdem ist es nicht einfach. Als ich nach Hannover zog dachte ich, es wäre vorbei mit Leipzig. Ein neuer Lebensabschnitt steht an und ich werde gar keine Zeit haben …

(W)Mut zur Veränderung?

Gestern brach in Hamburg das Inferno aus. Bilder, die eigentlich nicht so richtig hierher passten, strömten durch die sozialen Medien. Es gab riesige Aufschreie wer, wann, wie, warum angefangen hat und schuldig ist und mir verursachte das alles, um ehrlich zu sein, ein starkes Gefühl von Übelkeit. Und wisst ihr warum?
Weil, um ehrlich zu sein, das ganze Auto abbrennen, Brandsätze werfen und Leute zusammen schlagen das Niveau eines Zweijährigen hat, der das hübsche Spielzeug kaputt macht, weil es dem Nachbarskind gehört. Wobei, ich muss mich offiziell bei allen Zweijährigen entschuldigen, die sind nicht so.
Bin ich mit allem einverstanden, was die G20 veranstalten? Mag ich Donald Trump? Finde ich, dass wir keine Mitspracherechte haben sollten? NEIN.
Ich bin ein erklärter Freund der Demokratie. Ich stehe ein für Versammlungsfreiheit und das Recht zu demonstrieren. Ich stehe auf für die Menschenrechte und bin dafür, dass jeder Mensch unabhängig vom Status seiner Familie, seiner Religion,…

Montagsmotivation - Sei dein eigenes Einhorn

An diesem Wochenende stand viel unter dem Stern der Tierwesen. Ich kaufte ein Poster mit einem Einhorn in Therapie, traf einen Dinosaurier auf einer Party und wurde allseits für meine Tasche gefeiert, auf der ein Einhorn felsenfest behauptet: I don't believe in humans.
Warum ich euch das erzähle? Nun, ich habe ein wenig überlegt und bin zu dem Schluss gekommen, dass etwas mehr Exzentrik in mein Leben gehört.
Seit ich aufgehört habe zu studieren und mein eigenes Geld verdiene, bin ich ein wenig angepasst geworden. Vor lauter neu sein und alles entdecken, habe ich mit einem Mal angefangen sehr viel Wert auf das Bild zu legen, das ich nach Außen präsentiere und versucht das ein wenig zurecht zu biegen. Allerdings habe ich dabei ein wenig vergessen, dass mich Angepasstheit eigentlich gar nicht ausmacht.. Denn ganz ehrlich? Ich mag mich eigentlich genauso wie ich bin. Mit einer festen Meinung ohne immer allen gefallen zu wollen und gemocht zu werden, mit all den Herr der Ringe Zitaten,…