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Montagsmotivation: Und manchmal muss man einfach machen- Konfliktlösung durch Handeln?

Heute führt euch die Montagsmotivtaion in die tiefsten und alten Abgründe der Sozialpsychologie, in verstaubte Bücher und zu alten Herrschaften, die wichtige Dinge herausgefunden haben.
Passend zum immer größer werdenden Irrsinn hier in Sachsen und seltsamen politischen Statements dazu, habe ich tief in der Sozialpsychologiekiste zur Konfliktforschung gegraben.
Sozialpsychologie gehört, neben klinische Psychologie und Persönlichkeitspsychologie (und naja eigentlich allem an Psychologie) zu einem der spannendsten Forschungsbereiche überhaupt.
Sie beschäftigt sich damit wie Menschen in Gruppen agieren, warum es zu Massenphänomenen kommt und wie man Einstellungen und Konflikte zwischen Gruppen ändern kann. 
Es wäre sehr wünschenswert, dass in den aktuellen politischen Debatten anstelle von Panikmachern einmal Sozialpsychologen befragt werden, die genau erklären können wie und warum welche sozialen Zusammenhänge funktionieren.
Passiert nur leider nicht, denn Wissenschaft bringt meistens weniger Schlagzeilen, dafür aber mehr Wissen. 

Heute soll es einmal um Konfliktlösung zwischen zwei Gruppen gehen und ich bemühe hierfür das von dem türkischen Sozialpsychologen Muzaffer Serif durchgeführte "Ferienlagerexperiment", das er in den Jahren 1949, 1953 und 1954 durchführte. 
Dabei wurden 22 Jungen in wahllos unterschiedliche Gruppen aufgeteilt. 
In der ersten Phase seines Experiments stärkten die Betreuer des Ferienlagers die eigne Gruppenidentität der zwei verschiedenen Gruppen, indem die Jungs in ihrer Gruppe gemeinsam Aufgaben bewältigten. So mussten sie beispielsweise ein gemeinsames Zeltlager bauen. Dabei entstand eine spezifische Gruppenstruktur und eine gemeinsame Identität - Zum Beispiel durch einen gemeinsamen Gruppennamen.
In der zweiten Phase wurde es ein wenig böse.
Hier wurden die beiden Gruppen gegeneinander angestachelt.
Dies wurde durch ein Sportturnier erreicht, bei dem nur eine Gruppe einen Preis gewinnen konnte.
Zu beobachten war hier nun dasselbe wie in unserem Bundestag:
Die beiden Gruppen mieden einander, fingen an sich anderen Gruppenmitgliedern gegenüber negativ zu verhalten (verbrannten beispielsweise die Fahne der gegnerischen Gruppe) und überschätzen die Leistung der eigenen Gruppe bei weitem.
Böses Blut im Allgemeinen und im Besonderen also. 
Man versuchte das Ganze durch gemeinsame Aktivitäten und Unternehmungen zu mildern- keine Chance. Die Konflikte zwischen den Gruppen blieben bestehen. 
Und nun kam die letzte Phase des Experiments:
Nachdem die Konflikte so richtig schön nach oben geschaukelt wurden, waren nun beide Gruppen in einem bösen Dilemma. 
Es kam nämlich zu einem Erlebnis und einer Situation, die Handeln erforderte. Und zwar ein Handeln, das die Zusammenarbeit aller Jungs unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit erforderte. So musste beispielsweise ein Wassertank gemeinsam repariert werden oder es galt einen im Schlamm feststeckender Essenstransport zu befreien. 
Ungünstig wo man sich doch überhaupt nicht leiden konnte, oder?
Chaos und Wut bei allen Beteiligten? 
Weit gefehlt. Anstatt sich weiter anzufeinden wurde Hand in Hand gearbeitet.
Und mit einem Mal geschah das vorher unmögliche: Mit dem gemeinsamen Ziel entstand nun auch eine gemeinsame Solidarität. Die Feindschaften zwischen den Gruppen wurden abgebaut, Freundschaften entstanden. 
Mit einem Mal war das gar nicht mehr Hauen und Stechen à la Bundestag oder ähnlichem Brimborium, sondern gemeinsames Erarbeiten einer Lösung. 
So richtig wie aus dem Bilderbuch- 


Leider, wie in allen Studien, gibt es natürlich auch an dieser Stelle wieder einige Kritkpunkte. 
Zunächst einmal ist eine Gruppe von 22 Jungs nun nicht unbedingt das, was man riesig und repräsentativ nennt, des Weiteren handelt es sich um eine rein zufällig Aufteilung der Kinder, also um wahlloses Würfeln, was bei den meisten Konfliktgruppen nun einmal nicht der Fall ist. Außerdem waren es ausschließlich Jungs der Mittelklasse, die in dieser Studie untersucht wurden. Auch hier ein Minuspunkt für die Repräsentativität.
In einigen Replikationen (also versuchen das Experiment unter gleichen Bedingungen zu wiederholen) kam es auch nicht zum gewünschten Ergebnis.
Worchel, Andreoli und Folger (1977) fanden in einer Replikation des Experiments ( Intergroup Cooperation and Intergroup Attraction: The Effect of Previous Interaction and Outcome of Combined Effort., hier nachzulesen) heraus, dass auch das erfolgreiche Erreichen des gemeinsamen Ziels eine wichtige Komponente für die Auflösung des Konflikts ist.
Dennoch enthält das Experiment von Serif eine wichtige Botschaft: Wir müssen gar nicht immer zuerst unsere Einstellung ändern, damit daraus ein Verhalten folgt (sprich: wir müssen gar nicht erst alle mögen um mit ihnen gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten), manchmal folgt die Einstellung auch dem Verhalten.

Bedarf es an dieser Stelle noch eines Hinweises auf die aktuelle politische Lage in Deutschland, Europa und der Welt? Oder habe ich genug mit Zaunpfählen und Ferienlagern gewunken?
Gemeinsam für ein Ziel einzustehen und dadurch Freundschaften und Hilfsbereitschaft zu erreichen mag naiv klingen, ist es aber häufig gar nicht. 


In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Start in die neue Woche
Liebste Grüße
Lotte

PS: Die Experimente von Serif sind sehr alt, das weiß ich selbst und ich habe in alten Aufzeichnungen aus Bachelorzeiten noch einmal genau nachgelesen. Sollte jemand von euch aktuellere Studien hierzu kennen freue ich mich sehr über einen entsprechenden Hinweis. Der heutige Post sollte in erster Linie das Allgemeinverständnis treffen und Grundlagen schaffen. Ich bitte bei allen Psychokollegen um Nachsicht, dass ich keine brandaktuelle Studie vorweise, freue mich aber über jeden Fingerzeig in diese Richtung. Instrumental Model of Group Conflict etc. sind mir natürlich bekannt. ;)

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