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Montagsmotivation: Warum Introversion nicht die schlechteste Idee ist

Heute möchte ich euch ein Thema vorstellen, das in einer lauten Welt häufig keinen Platz findet und ich möchte anfangen indem ich euch etwas über mich erzähle.

Als ich ein Kind war machte meine Mutter sich häufig Sorgen um mich. Ich war nicht wie die anderen Kinder in meiner Umgebung, ging nicht gerne in den Kindergarten und wehrte mich vehement dagegen bei Übernachtungspartys zu bleiben. (Das volle Programm mit weinen und allem)
Im Gegensatz zu lauten Kindern zog ich mich häufig zurück, konnte stundenlang allein in meinem Zimmer spielen und lernte sehr früh lesen.
Geliebt habe ich vor allem Dinge, die andere Kinder vielleicht gelangweilt hätten. Museen, Musik und Hörspiele zu klassischen Komponisten versetzten mich in Begeisterung. (by the way. Der "Holzwurm in der Oper" ist meine persönliche Empfehlung an alle, die Kindern klassische Musik und Opern nahe legen wollen)

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich bei Übernachtungsbesuchen mit vielen Kindern schnell Heimweh bekam, weinte und abgeholt werden musste sobald ich müde war. Und das ging vergleichsweise schnell.

Als ich älter wurde empfand ich die Schule als enorm anstrengend.
Gar nicht wegen des Unterrichts. Ich habe seit jeher eine natürliche Liebe dazu mir Wissen anzueignen und mich in ein Thema zu vertiefen, mehr darüber zu erfahren und genau zu wissen worum es geht, ob es das früher schon einmal gab und wie man von diesem Detail vielleicht auf etwas Allgemeines kommt.
Die Schule stresste mich aus einem ganz anderen Grund: Die vielen Mitschüler, Cliquen und Intrigen, die alltäglich zum Schulalltag gehören.
Tatsächlich suchte ich mir immer einen oder zwei Mitschüler mit denen ich mich gut verstand, eine ganze Gruppe war mir einfach zu anstrengend.

Aus meiner Kindheit und Jugend gibt es unzählige Geschichten dazu, dass ich immer etwas anders war. Ich hatte eine sehr einnehmende und laute Freundin, die immer eine Horde von Kindern um sich versammelte. Sie wurde scheinbar mühelos ihre natürliche Anführerin und wechselte bald auf ein Internat in dem sie sich sehr wohl in ihrem Mehrbettzimmer fühlte.
Häufig sah sie mich mitleidig an und sagte Dinge wie "Dir fällt es ja schwer Freunde zu finden" oder "Du bist halt nicht beliebt"
Als ich für kurze Zeit auf ein Hochbegabteninternat kam, floh ich nach einer Woche vor Mehrbettzimmern und dem ständigen Kontakt mit anderen Menschen.

Einmal, nach einem musikalischen Wettbewerb, wartete ich auf die Ergebnisverkündung zusammen mit meinen Eltern und traf auf ein Mädchen, mit dem ich zusammen im Orchester spielte, das mich allerdings nicht wirklich leiden konnte und ich sie auch nicht. Sie sagte mir fröhlich "Hallo" und ich erwiderte ihre Begrüßung höflich. Danach schwieg ich und zermarterte mir den Kopf darüber was ich sagen könnte. Mir fiel jedoch partout nichts ein. Weder etwas witziges, noch etwas geistreiches oder spannendes. Also hielt ich den Mund.
Als das Mädchen weiterging kritisierte mich meine Mutter ob meiner ungeselligen Art und ich fühlte mich furchtbar schlecht, wusste aber trotzdem beim besten Willen nicht was ich hätte sagen können. (Meine Mutter hatte völlig recht, ich war tatsächlich recht ungeschickt im Small Talk)



Während andere Kinder sich darauf freuten, waren für mich Orchesterfahrten, Chorlager und Camps der pure Stress.
Ich versuchte mit 14 bei meinen Eltern durchsetzen nicht in die Konfirmationsfreizeit mitfahren zu müssen - keine Chance. (Es wurde eine schöne Zeit, ich bin ihnen also im Nachhinein dankbar)

Alles in allem bekam ich während meiner gesamten Kindheit und Jugend sehr häufig das Gefühl seltsam zu sein, nicht reinzupassen, mich verändern zu müssen und irgendwie falsch zu sein. Ich war nicht laut. Ich fühlte mich in großen Gruppen nicht wohl, ich schwamm nicht mit der Masse.

Und heute? Heute sieht das Ganze scheinbar etwas anders aus:

Treffe ich neue Leute, sei es auf Partys oder in einem anderen Zusammenhang, bin ich offen und freundlich. Ich lache viel und laut, mache Scherze und foppe mein Gegenüber auch gerne mal ein wenig.
Ich komme mit vielen Leuten recht schnell ins Gespräch.
Sprechen ist meine Stärke, mir fallen häufig Erwiderungen ein, ich bin nicht verlegen was Sätze und Worte angeht und kann auch ganz schön frech werden.
Gerne ziehe ich mich schön an, schaue dass mein Erscheinungsbild auffällig ist und liebe es mich zu stylen.

Und das ist alles wunderschön.
Dennoch ist ein Teil der "alten" Lotte bei mir übrig geblieben. Gehe ich auf Partys, verlasse ich diese häufig gegen 2 oder 3 Uhr, weil ich die Menschenmassen nicht mag, ich ziehe ein Gespräch, das tiefer geht, jedem Small Talk vor, suche mir immer einen einzelnen Gesprächspartner anstatt einer riesigen Gruppe und habe überhaupt nichts dagegen einen Tag allein im Museum oder mit einem guten Buch auf dem Sofa zu verbringen.

Ist das sozial gehemmt? Auffällig? Oder gar kauzig?
Eher nicht.
Ich gehöre nämlich zu der ganz und gar nicht seltenen Spezies der Introvertierten, jener Menschen, die zwar soziale Kontakte lieben und schätzen, jedoch auch immer wieder einen Rückzug brauchen um "ihre Batterien aufzuladen" und wieder bei sich anzukommen.

Nur, dass so etwas gar nicht mehr gewünscht ist. Wir idealisieren das Bild der Menschen, die eine Masse brauchen um zu schwingen, ständig unter Menschen sind und am liebsten in großen Gruppen umherziehen. Diese Leute sind für uns die Vorbilder, das A und O des Seins und alles was man sich wünscht.
Schade eigentlich, denn ohne die Introvertierten, die stillen Wasser, gäbe es weder Harry Potter, noch die Relativitätstheorie.
Trotzdem vermitteln wir anderen häufig, dass sie seltsam sind, wenn sie sagen sie bräuchten "Zeit für sich", lange Spaziergänge bevorzugen oder ihr Geschriebenes nicht auf jedem Poetry Slam darstellen wollen. Bist du nicht "outgoing"- so bist du verkehrt.



In ihrem wundervollen Buch "Still: Die Kraft der Introvertierten" beschäftigt sich Susan Cain mit genau diesem Thema, zitiert aktuelle Studien und macht uns begreiflich, dass uns viel verloren geht, wenn wir nur auf die lauten unter uns hören (Kleiner Fakt am Rande: Der Zusammenhang zwischen der besten Idee und dem lautesten/charismatischstem Sprecher ist gleich null!!! Trotzdem tendieren wir dazu dem lautesten Menschen zu folgen). Ein großartiges Buch, das mir noch einmal mehr gezeigt hat wie gut es ist die eigne innere Stimme nicht zu überhören, auch wenn sie vielleicht nicht immer dem sozial gewünschten Verhalten entspricht.
Denn Introvertierte habe eine wundervolle Stärke, die man nicht unterschätzen sollte.
Jenseits von Gruppenzwang, Konformismus und dem Wunsch zu gefallen, entwickeln sie Ideen, Konzepte und Innovationen, die kreativ und einzigartig sind und in vielen Fällen die Welt weiter gebracht haben.

Hier eine kleine Liste introvertierter Menschen:
Mahatma Gandhi
Rosa Parks (US amerikanische Bürgerrechtlerin, die mit ihrer Weigerung von einem Platz "für Weiße" aufzustehen und der damit einhergehenden Verhaftung landesweite Proteste hervorrief und die den Anstoß zur Martin Luther King Bewegung gab)
Steve Wozniak (Mitbegründer von Apple, der wesentlich zur Entwicklung des Apple I & II beitrug)
Eleanore Roosevelt
J.K. Rowling
Albert Einstein
Dr Seuss
Frederic Chopin
Isaac Newton
...


Noch eine kleine Anmerkung zum Schluss. Introversion ist keineswegs gleichzusetzen mit Sozialer Phobie (einer ernsthaften psychischen Störung) oder enormer Schüchternheit.
Es bedeutet keineswegs eine Angst vor sozialen Kontakten, weil man befürchtet abgelehnt zu werden oder dass man Dinge tun könnte, die peinlich sind. Es ist vielmehr eine Persönlichkeitseigenschaft, die noch heute in einem der erfolgreichsten Modellen der Persönlichkeitspsychologie, den Big Five, als Gegenpol zu Extraversion verwendet wird. (Und ja, es heißt ExtrAversion nicht ExtrOversion)
Ich will damit keineswegs die Introvertierten in den Himmel loben und die Extravertierten geißeln. Alles was ich sage ist: Es lohnt sich einmal einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen, zu hinterfragen warum die Herde immer besser sein muss und nachzudenken, ob es nicht manchmal Sinn ergeben könnte auch auf jene zu hören, die nicht am lautesten schreien.
Ich habe im Laufe der Jahre gelernt nicht klein und ruhig zu sein, dennoch schätze ich noch immer die Einsamkeit und spüre, dass aus ihr meine kreativsten Momente, besten Ideen und komplexesten Lösungen wachsen. Und das ist etwas, das ich mir unbedingt bewahren möchte.

Ich wünsche euch einen wundervollen Ostermontag
Liebste Grüße
Lotte

PS: Wer keine Lust oder Zeit zum Lesen hat. Es gibt einen wundervollen TED Talk von Susan Cain zum Thema Introversion (auch mit deutschen Untertiteln)... Dafür einmal hier entlang.

Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der Seele!

    Lg Anna

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  2. Frohe Ostern auch Dir!
    Ein sehr interessanter und offener Post, vor allem weil Du eine Person beschreibst, die normalerweise nicht so öffentlich über sich sprechen würde, es sei denn in einem Zwiegespräch. Vieles kenne ich von mir und von anderen und ich bin auch zu der Erkenntnis gekommen, dass es viele unterschiedliche Typen von introvertierten Menschen gibt. Oft ist es einfach angeboren, das habe ich bei meinen Kindern festgestellt, die seit ihres ersten Lebenstages nicht unterschiedlicher sein könnten. Und das lässt sich nicht umerziehen, auch wenn viele das meinen.
    Du hast auch recht damit indem Du schreibst, dass introvertiert sein oft gleichgesetzt wird mit sozialer Isolation. Viele verstehen es nicht, dass man einfach Schwierigkeiten hat leere Gespräche zu führen, ich weiss auch oft nicht über welche Nichtigkeiten ich noch sprechen soll. Oder noch schlimmer sind Menschen, die irgendwelche interessierten Fragen über Dein Leben stellen und Du genau merkst wie wenig sie Deine Antwort interessiert.
    Andrerseits denke ich auch sehr oft, dass laute Menschen oft ihre Unsicherheit damit verdecken wollen, aber das ist wohl ein anderes Thema.
    Herzliche Grüsse
    Joevlin

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  3. Liebe Lotte, ich bin auch ein leiser Mensch und früher War es problematisch. . Da gab's sogar Kurse im ..Smalltalk. habe ich nie besucht, nichts dazugelernt und trotzdem liebe ich die Menschen in ihrer Vielfältigkeit. Einen schönen Ostermontag von Elke

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    Antworten
    1. "und trotzdem liebe ich die Menschen in ihrer Vielfältigkeit" ... was für wunderschöne Worte liebe Elke <3

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