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Kunst ...

Den letzten Samstag verbrachte ich in der wunderschönen Hauptstadt. Dafür, dass Leipzig und Berlin so dicht beieinander liegen, bin ich leider viel zu selten dort.
Doch letzte Woche war die letzte Möglichkeit die Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" zu besuchen, von der mir bereits vorgeschwärmt wurde.
Und so traf ich mich mit meinen Eltern in Berlin, besuchte mit meinem Vater die Ausstellung und verbrachte den Rest des Tages immer wandelnd zwischen Cafés, Buchläden und der Galerie Lafayette- die perfekte Art den ersten wirklich warmen Samstag des Jahres zu verbringen, wenn ihr mich fragt.



Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum war auf viele Arten berührend und bewegend.
Hundert Kunstwerke aus der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem zeigten wie Kunst sogar hinter den Mauern der Ghettos und Konzentrationslager zustande kam.
Bilder, die aufwühlender nicht sein könnten.
Besonders im Gedächtnis blieb meinem Vater und mir ein kleines Bild, das sinngemäß mit den Worten tituliert war "Opa hatte also doch Recht". Darauf abgebildet ist ein kleiner Junge, der auf einen kahlen Baum im Lager geklettert ist um einen Blick hinter den Stacheldrahtzaun zu werfen. Dort sieht er blühende Landschaften, die sich so sehr vom Lager unterscheiden wie man es sich nur vorstellen kann. Die Wachen sind in der Fantasie des Jungen zu Märchen- und Zirkusgestalten geworden und für einen kurzen Moment erhält er einen Einblick in die Schönheit der Welt wie sie sein könnte.
Berührt haben mich aber auch die Bilder und das Gedicht von Abraham Koplowic, der mit nur 14 Jahren in Ausschwitz ermordet wurde.


Oder das Gedicht von Benjamin Fondane, das eine Aktualität ohnegleichen besitzt.

Vorwort in Prosa  1942 (im Jahr 1944 im KZ ermordet)

Es ist zu Euch, zu denen ich spreche, ihr Menschen der Antipoden,
ich spreche von Mensch zu Mensch
mit dem Wenigen in mir, das noch Mensch geblieben ist,
mit dem Wenigen an Stimme, die mir noch in der Kehle bleibt,
mein Blut ist auf den Straßen, kann es nicht, kann es nicht
nach Rache schreien!
Das Jagdsignal ist gegeben, die Tiere werden gehetzt,
lass mich mit denselben Worten zu Euch sprechen die wir gemeinsam hatten —
es bleibt wenig Verständliches!
Es kommt ein Tag, das ist sicher, des gestillten Dursts,
wir werden jenseits der Erinnerung sein, der Tod
wird die Arbeit des Zorns vollendet haben,
ich werde ein Strauss Brennnesseln unter Euren Füßen sein,
- aber, wisst, dass ich ein Gesicht hatte
wie Ihr. Einen Mund, der betete, wie Ihr.
Wenn Staub eintrat, oder auch ein Traum,
in das Auge, weinte dieses Auge ein wenig Salz. Und als
eine böse Dorne meine Haut ritzte,
floss ein wenig Blut genauso rot wie Eure!
Sicher, genau wie Ihr, war ich grausam, ich hatte
Durst nach Zärtlichkeit, nach Macht,
nach Gold, nach Vergnügen und nach Schmerz.
Sicher, genau wie Ihr war ich boshaft und verängstigt,
zuverlässig im Frieden, betrunken im Sieg,
und taumelnd, verstört in der Stunde des Misserfolgs!
Ja, ich war ein Mensch wie alle anderen,
ernährt vom Brot, vom Traum, von der Hoffnungslosigkeit. und ja,
ich habe geliebt, ich habe geweint, ich habe gehasst, ich habe gelitten,
ich habe Blumen gekauft und nicht immer pünktlich
meine Miete bezahlt. Am Sonntag ging ich ins Grüne
zu fischen, unter dem Auge Gottes, die unwirklichen Fische,
ich badete mich im Fluss,
der in den Binsen sang, und ich aß Pommes
am Abend. Danach, danach ging ich schlafen,
müde, das Herz müde und voller Einsamkeit,
voller Mitleid für mich,
voller Mitleid für den Menschen,
suchend, vergeblich suchend im Leib der Frau
jenen unmöglichen Frieden, den wir verloren haben
damals, in einem Obstgarten, wo blühte
in der Mitte der Baum des Lebens…
Ich habe wie Ihr alle Zeitungen gelesen, alle Schmöker,
und ich habe nichts von der Welt verstanden
und ich habe nichts vom Menschen verstanden,
obwohl es sich oft traf, dass ich mir
das Gegenteil einredete.
Und als der Tod, als der Tod kam, vielleicht
habe ich so getan, als wüsste ich, was er ist, aber in Wirklichkeit,
ich kann es Euch in dieser Stunde sagen,
er traf meine völlig erstaunten Augen,
erstaunt, so wenig zu verstehen
– habt Ihr mehr verstanden als ich?
Und doch, nein!
Ich bin kein Mensch wie Ihr.
Ihr seid nicht auf der Straße geboren,
Niemand hat Eure Kleinen in die Rinne geworfen
wie Kätzchen noch ohne offene Augen,
Ihr seid nicht umhergeirrt von Stadt zu Stadt
verfolgt von der Polizei,
Ihr habt nie die Katastrophen in der Morgendämmerung erlebt,
die Tierwagen
und das bittere Schluchzen der Erniedrigung,
angeklagt wegen eines Verbrechens, das man nicht begangen hat,
wegen eines Mordes, bei dem noch der Leichnam fehlt,
den Namen und das Gesicht wechselnd,
um nicht einen Namen zu tragen, den man ausgepfiffen hat,
ein Gesicht, das der ganzen Welt diente
als Spucknapf!
Es kommt ein Tag, ohne Zweifel, wenn das gelesene Gedicht
sich vor Euren Augen findet. Es fordert nichts!
Vergesst es, vergesst es! Es ist nichts
als ein Schrei, den man nicht in ein vollkommenes Gedicht fassen kann,
habe ich dennoch die Zeit, es zu beenden?
Aber wenn Ihr jenen Strauß Brennnesseln niedertretet,
der ich gewesen bin, in einem anderen Jahrhundert,
in einer anderen Geschichte, die für Euch verjährt ist,
erinnert Euch manchmal daran, dass ich unschuldig war,
und dass ich, genau wie Ihr Sterblichen an jenem Tag,
gehabt habe, auch ich, ein Gesicht gezeichnet
von Wut, von Mitleid und vor Freude,
das Gesicht eines Menschen, ganz einfach!

Deutsche Übersetzung von M. Willeke




Eine Ausstellung, die zu Denken gab und Kunst in einem Licht zeigte, wie man es sich nicht vorstellen kann.
Einmal mehr habe ich mir vorgenommen Yad Vashem zu besuchen.
Leider war letztes Wochenende die letzte Gelegenheit die Bilder in Berlin zu sehen.
Trotzdem wollte ich euch den Eindruck dieser Ausstellung gerne mitteilen.


Eigentlich wollte ich euch noch einige Fotos vom weiteren Tag in Berlin zeigen, doch ich denke dieser Post sollte für sich sprechen.
Berlin Tipps und Eindrücke folgen jedoch auf jeden Fall.
Und sollte von euch demnächst jemand nach Israel fliegen: Yad Vashem ist mit Sicherheit einen Besuch wert.
Ich wünsche euch einen schönen Mittwoch
Lotte

Kommentare

  1. Liebe Lotte! Ich habe dir eine E-mail geschrieben!
    Liebste Grüße, Claudia

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