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Montagsmotivation: Steh nicht nur so rum

Vor einiger Zeit bekam ich eine E-Mail von einer Leserin. Darin wies sie mich auf einen Artikel hin, der aus der Sicht einer jungen Frau erzählt war, die von sexuellen Belästigungen in einem Zugabteil sprach.
Wir tauschten uns viel über diesen Artikel aus, schrieben die ein oder andere E-Mail und ich versprach dies zum Anlass zu nehmen um etwas über "Prosoziales Verhalten" in meiner Montagsmotivation zu schreiben.
Die Frage, die vielen Menschen. beim Lesen eines solchen Artikels in den Sinn kommt ist ziemlich einfach: "Die Frau sitzt mitten in einem vollen Zug. Warum hilft ihr niemand?"
Diese Frage, die uns zurecht auch ein wenig wütend machen kann, ist relativ einfach zu beantworten:
Es liegt an dem sogenannten Bystander Effekt.
Der Bystander Effekt beschreibt eine paradoxe Situation. Je mehr Menschen zugegen sind, wenn etwas passiert, sei es ein Unfall, ein Verbrechen oder eine sonstige Notsituation, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Hilfe geleistet wird.
Oder, plakativ gesagt: Nachts mit wenigen Menschen im Park wird dir wahrscheinlich eher geholfen, als wenn du tagsüber auf einer belebten Straße in der Innenstadt unterwegs bist.
Das liegt unter anderem an der sogenannten "Verantwortungsdiffusion" also daran, dass man sich viel eher sagen kann "Soll der andere doch helfen, der hat immerhin viele Muskeln", wenn viele andere Menschen in der Nähe sind. Dazu kommt, dass wenn alle anderen zusehen und auch nichts machen, die einzelne Person das Gefühl bekommt "Die anderen machen ja auch nichts, das ist also kein Notfall" Folglich schauen alle zu, beobachten die anderen, die auch nichts machen, und kommen zu dem Schluss: "Keiner tut was, dann wird es wohl nicht so schlimm sein" Diesen Prozess nennt man pluralistische Ignoranz.
John M. Darley  und Bibb Latané untersuchten infolge eines furchtbaren Verbrechens,  wie es dazu kommen kann, dass Menschen in einer offensichtlichen Notsituation einfach nicht helfen.
Hierfür stellten sie einen fünf Stufen Prozesse auf, der durchlaufen werden muss, damit Hilfe geleistet wird.

1. Die Situation muss wahrgenommen werden
2. Die Situation muss als Notfall eingeschätzt werden
3. Der Zuschauer muss Verantwortung übernehmen
4. Es muss entschieden werden wie zu helfen ist
5. Hilfe wird geleistet.

Auf all diesen Ebenen kann es ein Problem geben, das letztendlich dazu führt, dass niemand Hilfe leistet.

Speziell was sexuelle Übergriffe angeht, habe ich in diesem Zusammenhang ein Paper für euch gelesen, das ich ein wenig genauer zusammenfassen möchte. Es befasst sich mit Chancen und Barrieren für Hilfeverhalten in Situationen von sexuellen Übergriffen.

Chancen dafür, dass in solchen Situationen geholfen wird, sind unter anderem:
Ein geringer Glaube an sogenannte Vergewaltigungsmythen und Wissen über sexuelle Übergriffe. Dazu kommen eine größere wahrgenommene Verantwortung und die Bereitschaft zu helfen im Angesicht von gewalttätigen Situationen. Das Geschlecht der Umstehenden spielt übrigens auch eine Rolle. Männer helfen eher in Notsituationen, während Frauen wahrscheinlicher eingreifen, wenn es um sexuelle Übergriffe geht.
Ein gewisses Maß an Extroversion und wahrgenommener interpersonaler und sozial.-politischer Kontrolle erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Hilfeverhaltens ebenso, wie gute Stimmung der Umstehenden (kein Scherz- es gibt da tatsächlich Experimente zu) und prosoziale Tendenzen, die ins Selbstkonzept integriert sind.
Darüber hinaus ist es wahrscheinlicher, dass geholfen wird, wenn ein Gemeinschaftssinn der Helfenden besteht.

Barrieren beim Hilfeverhalten sind unter anderem: 

Schüchternheit, die Angst vor einer negativen Bewertung, eine hohe Anzahl an Bystandern (hatten wir ja schon Oben), dass "Versagen" irgendeines der Prozesse im fünf Stufen Prozess und der oben beschriebene  Zuschauereffekt.
Je nach anzahl der Barrieren sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfe geleistet wird.



In ihrem Paper "To Act or Not to Act? That is the Question- Barriers and Facilitators of Bystanding Intervention" aus dem Jahr 2014 untersuchten Bennett und Kollegen, welche Prozesse und Barrieren das Hilfeverhalten von Collegestudenten beeinflusst.
Das Collegalter ist genau die Zeit, in der sexuelle Übergriffe häufig stattfinden, von daher war es der perfekte Messzeitpunkt.

Während der Studie füllten 242 Studenten Surveys aus, in denen sie ein Assessment zum Bystanderverhalten, wahrgenommenen Barrieren im Hilfeverhalten, eine Depressionsskala, eine Skala zu prosozialen Tendenzen, eine Skala zum Gemeinschaftssinn, zur Lebensorientierung, zur Kontrollüberzeugung und einigen anderen Bereichen ausfüllten. Außerdem wurden die Studenten gebeten zwei Faktoren zu benennen, die ein Eingreifen in Situationen von sexueller Gewalt/gewalttätigen Beziehungen erleichtern und je zwei, die dieses Eingreifen erschweren.
Diese Surveys wurden je zu Beginn und zum Ende des Semesters ausgefüllt.
Ziel war es unterstützende Faktoren wie auch Barrieren für Hilfeverhalten zu finden, zu beschreiben, die Beziehungen zwischen Barrieren und dem selbst berichteten Hilfeverhalten zu untersuchen und individuelle Unterschiede in Hilfeverhalten zu finden.

Was herauskam überrascht wenig, wenn man sich ein bisschen mit dem Thema "Prosoziales Verhalten" beschäftigt hat.
Die Studenten beschrieben genau jene Stufen, aus dem Modell von  Darley  und Latané als unterstützende Faktoren für Hilfeverhalten. Am häufigsten wurde als Barriere die fehlende "Skill Kompetenz", also die Fähigkeit Hilfe zu leisten angegeben, gefolgt von der fehlenden Verantwortungsübernahme, dem Zuschauereffekt und der fehlenden Identifikation als Risikosituation.

Die Forscher sahen sich ebenfalls an, inwiefern diese Barrieren mit intrapersonalen Faktoren (Faktoren, die IN der Person liegen) und selbst berichtetem Hilfeverhalten in Zusammenhang standen. Interessant war dabei Folgendes:
Barrieren wirken, allerdings stehen sie in keinerlei Zusammenhang mit Hilfeverhalten gegenüber Freunden. Eine negative Korrelation, also ein umgekehrter Zusammenhang, besteht zwischen Prosozialen Tendenzen und dem "Versagen" auf allen fünf Stufen des 5  Stufen Prozesses von  Darley  und Latané. Außerdem besteht ein negativer Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Kontrolle und dem Versagen beim Identifizieren, der Verantwortungsübernahme und dem Zuschauereffekt bei Risikosituationen. Sprich: Wer mehr Kontrolle wahrnimmt und prosoziale Tendenzen hat hilft eher- ganz platt gesagt ;)

Ein hoher Gemeinschaftssinn war mit dem Hilfeverhalten in Bezug auf Freunde korreliert, wohingegen prosoziale Tendenzen mit dem Helfen bei Fremden in Zusammenhang stand.

Und was heißt das jetzt für uns?
Ausnahmsweise sind einmal nicht die Politiker schuld. ;)
Tatsächlich kann man im Bereich prosoziales Verhalten zuallererst an die eigene Nase fassen und fragen: Was würde ich tun?
Was würde ich machen, wenn ich sehe, dass jemand in der Bahn belästigt wird?
Wie kann ich helfen ohne mich selbst in Gefahr zu begeben (Ich weiß es gibt immer wieder Schlagzeilen über couragierte Helferinnen und Helfer, die dann selbst Opfer von Gewalttaten wurden)
Schaue ich nur weg, weil alle anderen das auch machen?
Was kann ich jetzt tun? Was ist der nächste vernünftige Schritt? Kann ich andre Menschen dazu motivieren mit mir gemeinsam zu helfen?

Wir können natürlich alle hoffen, dass die Welt irgendwann ein schöner rosafarbener Ort voller Gänseblümchen und Einhörner wird, in der keine sexuellen Übergriffe stattfinden und alles immer schön bleibt---
Das ist allerdings nicht der Fall.

Um den Bystandereffekt zu wissen und zu erkennen, dass in solchen Situationen nicht geholfen wird, weil niemand die Initiative ergreift ist der erste wichtige Schritt um diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Es ist nämlich nicht so, dass keiner eingreift, weil die Situation eigentlich nicht gefährlich ist, sondern, weil jeder denkt "Ach die anderen machen ja auch nichts- dann ist es wohl nicht so schlimm"
Ganz ehrlich? Das Schlimmste was euch passieren kann, wenn es kein Notfall ist, wäre eine kurze peinliche Situation. Ein Moment in dem ich verwundert angeschaut werde und mir gesagt wird ich hätte etwas falsch verstanden.
Das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich keine Initiative ergreife (und nochmal das heißt NICHT dass ihr allein gegen einen Trupp von zwanzig Nazis mit Baseballschlägern antreten sollt- für so etwas gibt es Fachleute habe ich gehört;)) könnt ihr euch in eurer eigenen Fantasie ja einmal bunt ausmalen.

Um ehrlich zu sein, vielleicht ist ein kurzer peinlicher Moment ja doch nicht so schlimm
Oder um es mit den Worten der talentierten J.K. Rowling auszudrücken:
"Es sind unsere Entscheidungen, die zeigen wer wir wirklich sind, weit mehr als unsere Fähigkeiten"



In diesem Sinne, denkt das nächste Mal daran, dass ihr vielleicht die Einzigen seid, die wissen was der Bystander Effect ist und welche Barrieren es möglicherweise gerade gibt und macht euch bewusst, dass Zivilcourage genau an einem Ort beginnt: Bei euch.

Liebste Grüße
Lotte

PS: Falls ihr Themen habt, die ihr gerne in der Montagsmotivation einmal näher beleuchtet haben wollt dann meldet euch gerne per Kommentar oder E-Mail bei mir. Ich integriere eure Vorschläge sehr, sehr gerne!

Quelle zur Studie:

Bennett, S., Banyard, V. L., & Garnhart, L. (2014). To act or not to act, that is the question? Barriers and facilitators of bystander intervention. Journal of interpersonal violence, 29(3), 476–496. doi:10.1177/0886260513505210

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