Direkt zum Hauptbereich

Montagsmotivation zum Gruseln - FOMO

Ich weiß, ich weiß, eigentlich ist heute Reformationstag und Halloween ist nur eine böse amerikanische Tradition, die nach Europa rüber geschwappt ist und Blablabla. 
Trotzdem befinde ich mich dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben in richtiger Stimmung für das Fest. Das mag auch daran liegen, dass ich entsprechend gebacken habe und auf eine Party gegangen bin- am Sonntag, weil Dienstag in Sachsen wieder gearbeitet wird. 
Oder daran, dass mir generell ein bisschen düster zumute ist, was mit den vielen Umbrüchen, die anstehen, zu tun haben könnte. 
Auf jeden Fall war mir sehr nach Halloween und so beschloss ich dieses Jahr an einer Party teilzunehmen und dafür zu backen. 
Und, Leserservice per excellence, das lieferte mir gleich den Anstoß für die heutige Montagsmotivation. 
Denn während ich Samstagabend in meiner Küche stand, buk und Abdel Karim zuhörte, überkam mich mit einem Mal ein Gefühl, das, wenn man den Feuilletons glaubt, ziemlich typisch ist für meine Generation. 
Ich spreche vom sogenannten FOMO, der Fear of missing out. 
Was erst einmal ganz putzig klingt, beschreibt ein Gefühl, das ich von vielen meiner Freunde und leider auch von mir selbst kenne.
Das Gefühl etwas zu verpassen, nicht dort zu sein wo das Leben pulsiert und ein bisschen wie ein vergessener Basilikum vor sich hinzurotten - und zwar unabhängig von den Fakten, die das Ganze umrahmen. 
Ein Beispiel? Ich hatte mich die ganze Woche auf diesen Samstagabend gefreut. Nachdem ich in der Woche viele Termine hatte, mehrere Leute traf und am nächsten Tag auf eine Party gehen würde, hatte ich mir fest vorgenommen den Samstag dafür zu nutzen zu schreiben, meine Kekse zu backen und einfach bewusst Zeit für mich zu haben. Die nächste Woche wird kunterbunt, es beginnt die DOK, ich verreise für einige Tage (NUR ZUM VERGNÜGEN nicht um zu arbeiten- völlig neue Erfahrung für mich), ich muss viel arbeiten und ich treffe mich mit unzähligen lieben Menschen. Alles wunderschön, aber richtig Zeit zum Durchatmen habe ich nur am Samstag. 
Pustekuchen. Kaum war es nämlich soweit überkam mich eine ziemlich eklige Mischung aus Selbstmitleid und Ningelei. Ich saß vor meinen Backzutaten und kam mir einsam, alt und langweilig vor. Die Tatsache, dass Geräusche des benachbarten Clubs meine Selbstmitleidsschiene untermauerten, machte das Ganze nicht besser. 
Wisst ihr wovon diese Jammernummer tatsächlich ausgelöst wurde? Ich bekam von einer bekannten als Reaktion auf meine Kekse die folgende Nachricht: Hast du die gerade gebacken? Wir sind auf einem Konzert. 
Und zack ging die Schleife los: Die sind auf einem Konzert, die haben Spaß, die genießen ihre Jugend, sind hip und cool und ich sitze Zuhause und backe - oder auch, zusammengefasst Mimimimi





SCHWACHSINN. Entschuldigt bitte diese Deutlichkeit, aber nachdem ich mir den Samstagabend leid getan hatte überkam mich am Sonntag beim Joggen mit einem Mal die Erkenntnis. 
FOMO ist totale Zeitverschwendung und völlig unabhängig davon was ihr für ein Leben führt. So berichtete mir eine Bekannte, die ein gefährliches Land bereiste, ebenjenes Gefühl von "Ich erlebe ja nichts" wenn sie aus Sicherheitsgründen nicht nachts um drei auf der Straße unterwegs war (überspitzt) und ich kenne Musiker, die so massive darunter leiden, dass sie einen kleinen Zusammenbruch bekommen sobald sie einen Abend in der Woche nicht unter Menschen sind... 
Also völlig egal wo man gerade ist und was man tut, irgendwie hat jeder Mal das Gefühl das Beste zu verpassen. 

Seltsamerweise habe ich diese Ängste noch nie von Menschen gehört, die kein Smartphone besitzen und nicht auf den sozialen Medien unterwegs sind. Dort ist es anscheinend völlig in Ordnung nicht jeden Abend wilde Abenteuer zu erleben und einfach mal dort zufrieden zu sein wo man gerade ist. 
Das soll keineswegs die sozialen Medien verteufeln, aber ich glaube durch die ständige Möglichkeiten sich mit anderen zu vergleichen, permanent zu hören auf welchen tollen Events die Freunde gerade sind und was für hippe Partys stattfinden, lässt das Gefühl stärker werden man sei am falschen Ort zur falschen Zeit und alle anderen haben gerade mehr Spaß. Was per se so gar nicht stimmen muss. 
Im Gegenteil. Es ist gut möglich, dass Party  X oder Event Y gar nicht so spannend, toll und einzigartig sind wie wir glauben. Aber davon postet nun einmal niemand ein Foto auf Instagram ;)
Tatsächlich sind auf die meisten unserer Profile, Nachrichten und Posts ein unsichtbarer Filter gelegt. Wir berichten die coolen, hippen Sachen. Den siebenstündigen Game of Thrones Marathon oder die Bügelwäsche lassen wir hingegen in unseren Erzählungen eher aus. 

Natürlich ist das auch auf meinem Blog so. Gähnende Langeweile oder die Stunden, die ich damit verbringe einen Personalbogen auszufüllen und im Wartebereich vom Bürgeramt zu verbringen machen sich irgendwie nicht so gut. Stattdessen gibt es kleine Highlights aus meinem Alltag, der in der Realität auch Abwasch, Wege zur Post und die verzweifelte Suche nach einer Quittung beinhalten. Blogge ich aber nicht- keine Ahnung warum. 

 

Was ich euch heute mit dem grusligen Post zum Montag eigentlich mit auf den Weg geben möchte: Genießt euer Leben. Vergleicht nicht ständig wo ihr gerade seid und was die anderen machen, tut wonach euch der Sinn steht. Und wenn ihr einen Abend mit Kekse backen und Geschichten schreiben verbringen wollt, dann tut das. Ihr müsst niemandem etwas beweisen, ihr müsst nicht der ganzen Welt zeigen wie hip und cool ihr seid. Wenn ihr keine Lust auf die Party habt- geht nicht hin. Wenn ihr Lust darauf habt: Runter von der Couch. Gefällt euch ein Buch überhaupt nicht? Hört auf es zu lesen. Ihr müsst nicht bei allem mitsprechen können, immer dabei sein und alles wissen. Das ist ohnehin nicht möglich. Entscheidet euch welches Leben ihr führen möchtet und führt es genauso. Egal was euer Nachbar dazu sagt. 

In diesem Sinne Happy Halloween
Lotte


Zwei gute Ted Talks zum Thema FOMO findet ihr hier und hier (ich mochte den zweiten besonders)
Die Zusammenfassung einer australische Studie zur FOMO findet ihr hier
Das Rezept für diese wunderschönen Gruselfinger habe ich hier entdeckt
Und am Mittwoch gibt es dann Bilder von der Halloweenparty ;)

Kommentare

Beliebte Posts

Bücherliste Januar

Irgendwie ist der Januar wahnsinnig schnell vorbei gegangen und gleichzeitig fühlte er sich an wie eine Ewigkeit. Büchertechnisch sah der Beginn des Jahres eher mau bei mir aus. Ich habe ganze drei Bücher gelesen und mich irgendwie auch sonst im Januar ein bisschen verzettelt.
Ich glaube für mich beginnt das neue Jahr offiziell im Februar und ich zähle den Januar einfach als Testphase. Die drei Bücher der Testphase stelle ich euch natürlich trotzdem vor.



1. Der Report der Magd von Margaret Atwood Das Buch ist vor kurzem als Serie verfilmt worden und hat mehrere Emmys sowie zwei Golden Globes gewonnen. Leider kann ich dazu gar nichts sagen, da die Serie in Deutschland nur bei EntertainTV ausgestrahlt wird. Das Buch fand ich sehr bedrückend. Ich habe ja ein Faible für Dystopien und "Der Report der Magd" ist im wahrsten Sinne des Wortes dystopisch.  Was mich allerdings störte sind die Kritiken, die das Buch mit Orwell oder Huxley gleichzusetzen versuchten. Während die beiden Aut…

Mehr von dem guten Zeug bitte

Am Wochenende, während der Schnee die Welt ein bisschen weiß zauberte, kuschelte ich mich in Worte und Geschichten wie in eine warme Decke. Ich habe begonnen das erste Buch von Charlotte Eriksson zu lesen, ein Buch um das ich seit einem Jahr herum schlich. Gleich die ersten Sätze verzauberten mich und ich musste sie gleich allen möglichen Menschen schicken.  Ich las auch in "The Sun and her Flowers" von Rupi Kaur - noch so ein Buch, das ich schon ewig lesen wollte (und ja, ich muss dringend auch noch "Milk and Honey" dazu kaufen) und irgendwie bin ich gerade sowieso sehr sprach- und wortverliebt. Es gibt ja so Zeiten, gerade im Winter, da können Worte durchaus viel bewegen und verändern. 
Ich habe, während ich all die Gedichte und Geschichten las - und ich gebe zu das habe ich die ganze letzte Woche gemacht, wenn ich Zeit dafür fand-  gespürt wie ich innerlich ruhiger wurde und mir über viel Dinge klar wurde.  Und auf einmal führt dieser Post in eine völlig andere…

Weihnachtsgrüße

Die Sache mit Weihnachten ist die: Wir haben unzählige Erwartungen an die Stimmung, an das Fest, an die Geschenke, an das Essen und die lieben Verwandten. Wir erwarten Schnee, Kälte, Romantik und das perfekte Ambiente für eine heimelige Kulisse.
Irgendwie muss alles perfekt sein, klappt ja auch bei all den Bloggern. Die haben schließlich nie Streit am Weihnachtsmorgen, der Baum ist perfekt dekoriert und alle sind immer schön. Also bitte her mit der Perfektion, die sich wie eine Tube Honig über die nächsten Tage ergießt und alles im Keim erstickt, was annähernd gut sein könnte. Steinbeck hat einmal geschrieben "Now that you don't have to be perfect you can be good"  In diesem Sinne wünsche ich euch keine perfekten Weihnachten, keine perfekt angezogenen Menschen, kein perfektes Essen, das erst einmal vier Stunden bewundert und fotografiert werden muss, und keine sich perfekt benehmenden Kinder.  Stattdessen wünsche ich euch Freude, Ausgelassenheit und eine tüchtige Portion…