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Montagsmotivation zum Tag der Deutschen Einheit oder Warum Methodenkompetenz die Quintessenz meines Studiums ist


Was haben Diskussionen über den Absturz eines deutschen Flugzeugs in Frankreich, die Ideen zum Burkaverbot und die Geschichte von ausländerfeindlichen Ostdeutschen gemeinsam?
Richtig, sie werden zu 90 Prozent von Menschen geführt, die wenig bis gar keine Ahnung von harten Fakten und wissenschaftlichen Methoden haben. 
Vor einigen Tagen gab ein gewisser Politiker ein Interview im Radio, in dem er sinngemäß sagte: Wenn man den Rechtsextremismus in Ostdeutschland erklären wolle, würde das leicht wie Verständnis klingen und das dürfe nicht sein. Dazu führter er den Fakt auf die rechtsextreme Gewalt sei etwa vier bis fünfmal so hoch wie im Westen. 
Stimmt. Alles richtig, nur leider spricht in diesem Fall jemand, der sich zwar Zahlen merken, sie aber in keinen sinnvollen Zusammenhang bringen kann. 
Solche Dinge sind, mit Verlaub, leider nicht so simpel. Sprich "Wir sind die Guten, die anderen die Bösen" Macht sich hübsch und gemütlich, alle Emotionen werden bedient und wir können uns fein zurück lehnen während "die da drüben" Baseballschläger schwingen und stumpfe Nazilieder grölen. 

Heute, zum Tag der Deutschen Einheit, möchte ich deswegen ein Thema anbringen, das gerne vernachlässigt und übersehen wird, wenn einmal mehr schlimme Dinge geschehen, die unsere Gemüter aufheizen und schnelle (zum Teil dem Grundgesetz entgegen stehende) Aussagen diverser Politiker und Meinungsmacher pushen. 
Es wäre so schön simpel, wenn wir unsere Welt in schwarz/weiß betrachten könnten. Die da drüben sind böse/primitiv/gestört/anders/nicht von hier und wir sind die Guten. Schnell ein paar wahllose Zahlen aus dem Ärmel gezogen, die genau das belegen und fertig ist eine Wähler freundliche Aussagen, die kompetent klingt, aber wenig mit der Realität zu tun hat. 




Als ich vor einigen Wochen diesen Artikel zum Thema Ostdeutschland und Fremdenfeindlichkeit las, wollte ich kurz spontan applaudieren. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte ich das Gefühl: Jemand betrachtet die Dinge differenziert und auf einem Niveau das über "Wir sind die Guten und ihr eben nicht" hinaus geht. 
Leider habe ich die Originalstudie dazu nirgendwo gefunden (vermutlich wurde die noch nicht in einem wissenschaftlichen Journal publiziert), was allerdings die dort beschriebenen Methoden anging, dachte ich zum ersten Mal: ENDLICH!
Kurz zusammengefasst ging es in der Studie um eine neue Analyse der Daten aus der Leipziger Mitte Studie, die seit 2002 rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen erhebt und auswertet. 
In ihren Analysen haben Johannis Müller und Professor Selb die Daten jedoch nach einem neuen Prinzip ausgewertet. Anstatt, wie ansonsten immer, alles in einen Topf zu schmeißen, haben sie das Ganze etwas differenzierter betrachtet. 
Der Ansatz: Um zu erfahren, ob es einen "ostdeutschen Fremdenfeindlichkeitsfaktor" gibt, kann man schlecht Äpfel mit Birnen vergleichen, sondern vielleicht doch lieber bei einer Obstsorte bleiben. 
Um als herauszufinden, ob Person A im Osten fremdenfeindlicher ist als wenn sie Westdeutscher wäre, muss man für diese Person ein Äquivalent finden. Sprich, jemanden, der die gleichen Merkmale aufweist was Bildung, Einkommen, Status, Wohnort in Stadt oder Land etc aufweist, wie diese Person. Der einzige Fakt in dem sie sich unterscheiden sollte ist der, dass sie aus dem Osten/Westen kommt. Dieses Verfahren nennt man Matching. Es ist quasi DIE Grundlage, wenn man Daten von unterschiedlichen Gruppen vergleichen will und gehört zum absoluten Standard in der Wissenschaft. 
Jeder, ich wiederhole, JEDER der solche Fragen beantwortet kontrolliert in seinen Studien zumindest nach Alter, Geschlecht, Bildung etc um Aussagen darüber treffen zu können, ob das Ganze tatsächlich am zu erforschenden Faktor liegt oder ob doch etwas mit hereinspielt, was dort gar nicht hingehört. 
Und siehe da: Kontrollierte man nach genau diesen Faktoren blieb kein Unterschied in der Fremdenfeindlichkeit über. X ist nämlich im Osten genauso fremdenfeindlich wie im Westen, wenn er dasselbe Bildungsniveau, Einkommen etc hat. 
Was ist also der Unterschied zwischen Ost und West? Tjaaa diese Faktoren. Wer hätte das gedacht?
Das schwierigste an der Studie war nämlich, laut Johannis Müller, überhaupt die passenden Paare zu bilden. Die Zusammensetzung in der Bevölkerung ist nämlich ziemlich unterschiedlich. Auf Deutsch: 
Im Westen gehören die Menschen eher der sozialen Mittelschicht an, verdienen etwas mehr, leben eher in Städten und sind wahrscheinlich auch etwas jünger. 
Das alles sind laut den Autoren Faktoren, die Xenophobie beeinflussen. 

Nur für die Hälfte der Individuen in Ostdeutschland gab es übrigens einen entsprechenden "Zwilling" in Westdeutschland. Und hatte man die Paare gefunden, war mit einem Mal der Unterschied in der Fremdenfeindlichkeit verschwunden. 


Und was heißt das jetzt? Das ist keine Rechtfertigung von Fremdenfeindlichkeit, das ist kein "Beschönigen" und "Vereinfachen", sondern Wissenschaft. 
Es gibt keine Rechtfertigung für Hass und Gewalttaten, wohl aber eine Suche nach den Ursachen. 
Es gibt kein "man macht es sich zu leicht in dem man Erklärungen findet", im Gegenteil, nur wenn wir Hintergründe, Fakten und mögliche Ursachen kennen, können wir diese verändern und vielleicht damit das Ergebnis verbessern. Es ist immer leicht mit Parolen um sich zu schmeißen "Das sind doch keine Menschen", "Alles Ausreden", "Allen die Hand abschneiden" "Einsperren und zwar für immer" "Die wollen es ja nicht anders" "Am besten umbringen"- Seltsam wie wenig sich die Parolen aller Parteien unterscheiden, wenn man sie auflistet. Man kann auch relativ wahllos die entsprechenden Gruppen verändern von Rechtsextremen über Straftäter bis hin zu Migranten. Die Parolen ändern sich kaum, wir tauschen nur die Gruppen aus gegen die wir wettern- je nach Wählergruppe. 

Leider greift genau das zu kurz. Pseudofakten ohne Hintergründe bringen Stimmen, aber keine Veränderung geschweige denn Verbesserung mit sich. Wir können Hass schüren, unsere Abscheu betonen (ja, die empfinde ich bei gewissen politischen Seiten auch) oder aber schauen wo es herkommt und daran arbeiten etwas zu ändern. 




Studien lesen und hinterfragen ist essentiell, wenn man auf bestimmten Gebieten etwas verändern möchte. Eine Meinung haben ist leicht und geht schnell, sich mit den Dingen auseinander zu setzen, sie kritisch zu hinterfragen und Ansätze zur Veränderung zu erarbeiten jedoch nicht. Das ist ein Prozess, der sich mitunter über Jahre ziehen kann. Zu sagen: "Die Ostdeutschen sind fremdenfeindlich und das ist so" ist sehr viel einfacher als zu hinterfragen: Wie kommt es zu diesen Strukturen, was kann ich verändern und wie ist das langfristig zu verbessern?
Verabschieden wir uns von dem Gedanken, dass es immer sofort die eine schnelle Lösung gibt und schauen uns stattdessen Strukturen und Hintergründe an, so finden wir Lösungen wo andere Probleme schaffen. 

Wenn ihr also das nächste Mal ein Radiointerview mit einem Politiker hört, dann fragt euch: Was ist der Hintergrund? Warum sagt er das? Wie kommt er an diese Zahlen? Wie groß ist die Stichprobe?(Wenn es nur er und Tante Erna sind, dann sieht es wissenschaftlich leider eher schlecht aus. Obwohl Tante Erna sicher toll ist) Wie wurde etwas gefragt und untersucht? Das Wichtigste, was ich aus meinem Studium mitgenommen habe ist, die richtigen Fragen zu stellen, nicht alles anzunehmen und auch einmal einen Blick hinter die Parolen zu werfen. Zahlen sind nicht gleich Zahlen und je nachdem wie sie entstehen und weiter verwendet werden können sie vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben. Deswegen: schaut genau hin, prüft nach was das bedeutet und schaut euch die Methodik hinter einer Zahl an. Wie wurde sie berechnet? Was ist der Hintergrund? Sind bestimmte Variablen, die wichtig sein könnten, mit bedacht worden? Die Studie von der ich erzählt habe zeigt ganz deutlich, dass dieselben Fakten ganz unterschiedliche Dinge implementieren können und zu völlig verschiedenen Schlüssen führen. Also: Immer schön hinterfragen. ;)

Zusammenfassend: JA, in Ostdeutschland gibt es mehr Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextreme und gruselige Menschenansammlungen, die ich in keinster Weise gut heiße und gegen die vorgegangen werden muss (auf der Basis unseres Rechtsstaats!!!). Das Ganze allerdings in den Raum zu stellen und zu sagen: Das ist so, wir sollten nicht hinterfragen warum, weil das als Verständnis dieser politischen Meinung aufgefasst wird, ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich. Es verschärft Unterschiede und macht es leicht ganze Bevölkerungsgruppen komplett abzuschreiben. Im Endeffekt macht es also alles nur noch schlimmer. 


Ich liebe dieses Zitat von Marie Curie. Tatsächlich ist es so: Je mehr wir eine Sache verstehen und ergründen, desto weniger Angst müssen wir haben. Je mehr wir verstehen, desto eher finden wir eine Lösung für Probleme. Deswegen, genau deswegen, ist es wichtig Hintergründe zu kennen und zu begreifen. Sei es von Straftaten, die verhindert werden können, von politischen Extremen, die unser Land zerstören oder - ganz banal- Ursachen für den Klimawandel, die wir verändern können.
Wissen ist der Schlüssel. 

In diesem Sinne einen schönen Feiertag
Lotte

PS: Um Haterkommentaren aufgrund einer differenzierten Betrachtung zuvor zu kommen. Bitte erst einmal diesen Artikel zu meiner Familiengeschichte lesen bevor man mich als Nazi bezeichnet ;)

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