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Es weihnachtet sehr - was wir von Charles Dickens lernen können

Ein ewiger Klassiker an Weihnachten. Der grimmige Mr- Scrooge erhält Besuch von drei Geistern, die ihm vergangene, gegenwärtige und zukünftige Weihnachten präsentieren, ihm zunächst einen riesigen Schrecken einjagen und dann, schließlich, dafür sorgen, dass er sein Leben ändert.
Eine Geschichte für Kinder, die so gruselig ist, dass ich eine Weile warten würde bis meine Kinder sie kennenlernen.
Und dennoch begleitet mich diese Geschichte jedes Jahr zu Weihnachten aufs Neue. Sei es, weil ich eine Schwäche für die Verfilmung habe oder einfach ein Traditionalist bin was das Weihnachtsfest angeht- ohne Mr Dickens ist für mich nicht Weihnachten.
Und weil heute die letzte Montagsmotivation vor Weihnachten ist, wollte ich euch ein paar Grundsätze verraten, die ich immer aus dieser Geschichte mitnehme.

1. Der Geist der vergangenen Weihnacht oder- Du kennst nie die ganze Geschichte. 

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber mir bricht jedes Mal das Herz, wenn ich den jungen Scrooge im Internat sehe. Völlig allein gelassen und einsam, wartend und hoffend dass sich jemand um ihn bemüht, er Weihnachten nicht allein verbringt.
Ebenso zaubert es mir ein Grinsen aufs Gesicht, wenn seine kleine Schwester ihn abholt und auch als er bei seinem Arbeitgeber ausgelassen feiert, nur damit ich wieder zornig werde als er seine Verlobte ohne weiteres ziehen lässt. Der Geist der vergangenen Weihnacht mag nostalgisch daher kommen, erinnert mich persönlich jedoch immer wieder an eine einfach klingende und tief gehende Wahrheit:
Wir kennen niemals die ganze Geschichte. Auch wenn wir glauben informiert zu sein, Bescheid zu wissen und alle Fakten kennen, wir können niemals wirklich wissen was in einem Menschen vor sich geht, es sei denn, er ist bereit es uns zu erzählen. Voreilige Schlüsse, rasche Verurteilungen und zynische Kommentar mögen leicht und gegebenenfalls auch witzig sein, wie ein Mensch zu der Person geworden ist, die gerade vor uns steht können wir jedoch meistens nicht einmal erahnen.
Erst wenn man bereit ist den Menschen zu sehen, zu verstehen und zu akzeptieren, das ein Teil von ihm vielleicht einmal der kleine Junge war, der sich einsam fühlte und weinte, gelingt es uns menschlich zu bleiben auch angesichts von Wut und Schrecken.
Der Geist der vergangenen Weihnacht lehrt mich jedes Jahr aufs Neue oberflächliche Urteile infrage zu stellen.



2. Der Geist der Gegenwärtigen Weihnacht - Glück ist relativ

Scrooges Angestellter Cratchit ist alles andere als reich. Er lebt in Armut, hat einen sehr kranken Sohn Zuhause und leidet unter einem schrecklichen Arbeitgeber.
Um ehrlich zu sein: Mr. Cratchit erfüllt viele Risikofaktoren für Depressionen. Dennoch feiert er Weihnachten so ausgelassen und fröhlich mit seiner Familie wie kaum ein anderer.
Ja, er ist traurig, er hat Angst um seinen Sohn und fürchtet seinen Arbeitgeber. Trotzdem erhebt er das Glas, dankt für das Essen und wünscht Mr. Scrooge gesegnete Weihnachten. Und das ist Glück in seiner reinsten Form, wenn ihr mich fragt. Keineswegs verherrliche ich es wenig Geld zu haben, schwere Krankheiten in der Familie durchleben zu müssen ist auch alles andere als wünschenswert, aber Mr. Cratchit schafft es trotz dieser Umstände dankbar zu sein und sich über das zu freuen, was er hat. Wahre Größe zeigt sich häufig in genau diesen Augenblicken, wenn trotz Krankheit gelacht wird, wenn Familien beisammen sind und man auf das achtet was man hat  -
Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht hat mich gelehrt demütig zu sein und dankbar für mein Leben.


3. Der Geist der zukünftigen Weihnacht - Bedenke dass du sterblich bist. 

Der Geist der zukünftigen Weihnacht ist mit Abstand der grusligste Geselle. Er zeigt Scrooge auf drastische Weise, wie sein Leben weiter verlaufen wird und wie es am Ende um ihn aussieht, nämlich einsam, finster und sehr verlassen. Dieser Geist zeigt auf die unverblümteste Weise worauf unser Leben unwiderruflich zusteuert: Auf den Tod. Da gibt es nichts zu beschönigen.
Eigentlich ist es auf den ersten Blick keine weihnachtliche Botschaft zu sagen: Übrigens du bist bald tot.
Bei genauerem Hinsehen finde ich sie jedoch nicht nur die wichtigste, sondern auch die weihnachtlichste aller Feststellungen. 
Wir werden sterben. Definitiv. Wir wissen nicht wann dies der Fall ist oder auf welche Weise, aber es wird geschehen. Und das zu wissen und es sich bewusst zu machen ist ein unglaubliches Privileg.
Eines Tages sind wir nicht mehr hier. Und was bleibt wissen wir nicht. Aber genau das gibt uns die Möglichkeit jeden Tag bewusst zu gestalten und zu genießen. Es gibt uns die Chance darüber nachzudenken, was wir hinterlassen wollen. Gar nicht an Reichtum, sondern bei den Menschen in unserem Leben. Es gibt uns die Möglichkeit zu entscheiden wie wir unser Leben gestalten wollen, ganz bewusst und in dem Wissen, das es irgendwann einmal vorbei sein wird.
Wir können entscheiden was wir mit dieser begrenzten Zeit, diesem kostbaren Augenblick anfangen wollen. Ob uns Reichtum wichtig ist und Erfolg oder vielleicht doch das Miteinander mit Menschen, die wir lieben, Freunden die wir schätzen oder auch ganz bewusst für einige Stunden mit uns allein. Früher hatten Menschen einen Schädel auf ihrem Schreibtisch stehen um sich den Wert des Augenblicks bewusst zu machen, um sich einzubläuen: Jeder Moment zählt, ist kostbar und wichtig.
Der Geist der zukünftigen Weihnacht vermittelt genau das. Wir wissen nicht wie lange wir leben, aber solange wir leben können wir dafür sorgen ein wenig Licht in die Welt zu bringen. Möglicherweise ist das alles was von uns bleiben wird.



Ich wünsche euch einen wundervollen Start in die Woche. Genießt in Momenten der Hektik ganz bewusst eine Tasse Tee, lacht mit kleinen Kindern über Albernheiten und denkt daran, dass die schlecht gelaunte Dame im Supermarkt vielleicht gerade Dinge mit sich herum schleppt von denen ihr nichts wissen könnt.

It is a fair, even-handed, noble adjustment of things, that while there is infection in disease and sorrow, there is nothing in the world so irresistibly contagious as laughter and good humour.”
Charles Dickens


Liebste Grüße
Lotte

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