Direkt zum Hauptbereich

"In Grenzsituationen bleibt nur die Herzensbildung übrig" Ein Buch das mein Leben veränderte

Letzte Woche Mittwoch fuhr ich nach Leipzig um meine Wohnung dort abzugeben. Ich rechnete damit, dass ich sentimental sein und mit schwerem Herzens die Schlüssel überreichen würde. Ich rechnete jedoch keineswegs damit, dass ich beinahe den gesamten Hin und Rückweg der Bahnfahrt mit den Tränen kämpfte.
Erstaunlicherweise lag dies keineswegs an dem Abschied aus Leipzig, sondern an einem Buch, das ich las und das mich tief berührte.
Tatsächlich kann ich mit gutem Gewissen sagen: Es war das beste Buch, das ich jemals gelesen habe und es hat mich verändert (Wer mich kennt weiß, ich lese viel, sehr, sehr viel).
Während ich die einzelnen Kapitel von "Solange wir leben müssen wir uns entscheiden", einem in Buchform gegossen Interview von Manfred Lütz mit Jehuda Bacon, las spürte ich deutlich wie sich meine Sicht auf die Welt, auf die Menschheit und auf das Leben veränderte.
Jehuda Bacon ist Professor an der Bezalel Universität in Jerusalem, ein bekannter Künstler und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz. Zudem ein Mann so voller Humanismus und Weisheit, wie ich es noch nie erlebt habe.
Bei all den furchtbaren Erfahrungen, die Jehuda Bacon schildert, könnte man Hass, Verachtung und Bitterkeit erwarten. Stattdessen sind seine Aussagen geprägt von tiefer Liebe zum Menschen.
In dem gesamten Interview schildert Jehuda Bacon seine Zeit in Theresienstadt und Auschwitz, aber auch das Leben danach und seinen Werdegang als Künstler.
Angereichert ist das Buch mit Geschichten voller Weisheit, Momenten der Menschlichkeit im schlimmsten Grauen, das wir uns vorstellen können und einem tiefen Glauben.
Nichts hat mich in den letzten Jahren so sehr berührt und so tief getroffen wie dieses Buch.
Aus diesem Grund ist meine heutige Montagsmotivation folgende: In einer Zeit voller Hektik, Geschenke kaufen und schnell Plätzchen backen: Nehmt euch die Zeit "Solange wir leben müssen wir uns entscheiden" zu lesen. Lest es nicht nur als Dokument eines Zeitzeugen, sondern auch zum Zwecke der Herzensbildung, wie Jehuda Bacon es nennt.




Jehuda Bacon ist ein tief gläubiger Mensch, eine Tatsache, die meinen atheistischen Lesern vielleicht etwas schwierig vorkommen könnte.
Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden, das ist Teil meines Lebens und gehört zu mir, auch wenn ich damit nicht hausieren gehe und niemanden bekehren möchte. Natürlich sind der christliche und der jüdische Glaube nicht deckungsgleich und dennoch bin ich mir sicher, dass wir im Grunde dasselbe meinen, wenn wir von Gott sprechen.
Jehuda Bacon findet Worte voller Güte, die auch aus seinem tiefen Glauben hervorgehen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass auch jene, die atheistisch sind, viel aus diesem Buch mitnehmen werden.
Es missioniert nicht, fordert nicht, sondern zeigt die Gedanken eines Mannes, der Schreckliches erlitten hat und dabei trotzdem niemals sein Menschsein verlor.

Wir leben in Zeiten, die davon geprägt sind dass Populismus, Angst und Wut an der Tagesordnung sind. Meiner Meinung nach gibt es keinen besseren Zeitpunkt sich daran zu erinnern, dass wir als Menschen eine Verpflichtung haben, nämlich die Mensch zu sein, menschlich zu handeln und unsere Egomanenbrille abzulegen.
Jehuda Bacons Worte haben mir dies noch einmal sehr bewusst gemacht und so entschied ich mich meine Ausreden beiseite zu legen und mich aktiv für die Dinge einzusetzen an die ich glaube.

Ich glaube daran, dass jeder einzelne von uns ein kleines Steinchen ist. Ein Steinchen, das eine Lawine auslösen kann. Und dass wir die Wahl haben. Entweder wir lösen eine Egolawine aus in der wir nur uns, unsere Karriere und unser Glück sehen oder wir entscheiden uns einen Schritt weiter zu gehen, uns einzusetzen für die Schwachen, uns stark zu machen für jene, die selbst ihre Stimme verloren haben, Güte zu zeigen wo andere wegschauen und Schmerz zu lindern, wenn andere zurück weichen.
Ob Christ, Jude, Muslim, Buddhist, Hindu, Agnostiker oder Atheist oder welcher Religion auch immer wir angehören. Die Entscheidung für Menschlichkeit und Güte einzutreten mag aus der Religion hervor gehen oder auch nicht, sie ist jedoch eine Entscheidung die uns alle jeden Tag aufs neue begleitet. Etwas wofür wir uns entscheiden müssen solange wir leben.
Dank des Buches ist mir dies wieder bewusster geworden.


Ich wünsche euch einen guten Start in die Woche
Liebste Grüße
Lotte

Kommentare

Beliebte Posts

Vom Heimweh oder vom guten Gefühl der Melancholie

Am letzten Wochenende war ich in Leipzig. Eine liebe Freundin von mir feierte eine große WG Party und ich traf mich außerdem mit Dr. Ralf Friedrich (seinen Gastbeitrag könnt ihr hier lesen), seiner wundervollen Freundin und dem nicht minder wunderbaren Hund Professor Lupin. 
Und ich bekam Heimweh.  Heimweh bekomme ich jedes Mal, wenn ich nach Leipzig fahre. So ein komisches Ziehen in der Bauchgegend und ein bisschen schlucken müssen, wenn ich nach Hannover zurück kehre.  Und irgendwie macht mich das immer ein bisschen unzufrieden. Denn, um ehrlich zu sein, ist das Jammern auf hohem Niveau. Schließlich ist es nicht so, dass ich zurück in die Hölle fahre, sondern zu lieben Freunden, einer Arbeit, die mir großen Spaß macht und so vielen Veranstaltungen, dass ich das Ganze auch locker in ein halbes Jahr packen könnte.  Und trotzdem ist es nicht einfach. Als ich nach Hannover zog dachte ich, es wäre vorbei mit Leipzig. Ein neuer Lebensabschnitt steht an und ich werde gar keine Zeit haben …

(W)Mut zur Veränderung?

Gestern brach in Hamburg das Inferno aus. Bilder, die eigentlich nicht so richtig hierher passten, strömten durch die sozialen Medien. Es gab riesige Aufschreie wer, wann, wie, warum angefangen hat und schuldig ist und mir verursachte das alles, um ehrlich zu sein, ein starkes Gefühl von Übelkeit. Und wisst ihr warum?
Weil, um ehrlich zu sein, das ganze Auto abbrennen, Brandsätze werfen und Leute zusammen schlagen das Niveau eines Zweijährigen hat, der das hübsche Spielzeug kaputt macht, weil es dem Nachbarskind gehört. Wobei, ich muss mich offiziell bei allen Zweijährigen entschuldigen, die sind nicht so.
Bin ich mit allem einverstanden, was die G20 veranstalten? Mag ich Donald Trump? Finde ich, dass wir keine Mitspracherechte haben sollten? NEIN.
Ich bin ein erklärter Freund der Demokratie. Ich stehe ein für Versammlungsfreiheit und das Recht zu demonstrieren. Ich stehe auf für die Menschenrechte und bin dafür, dass jeder Mensch unabhängig vom Status seiner Familie, seiner Religion,…

Montagsmotivation - Sei dein eigenes Einhorn

An diesem Wochenende stand viel unter dem Stern der Tierwesen. Ich kaufte ein Poster mit einem Einhorn in Therapie, traf einen Dinosaurier auf einer Party und wurde allseits für meine Tasche gefeiert, auf der ein Einhorn felsenfest behauptet: I don't believe in humans.
Warum ich euch das erzähle? Nun, ich habe ein wenig überlegt und bin zu dem Schluss gekommen, dass etwas mehr Exzentrik in mein Leben gehört.
Seit ich aufgehört habe zu studieren und mein eigenes Geld verdiene, bin ich ein wenig angepasst geworden. Vor lauter neu sein und alles entdecken, habe ich mit einem Mal angefangen sehr viel Wert auf das Bild zu legen, das ich nach Außen präsentiere und versucht das ein wenig zurecht zu biegen. Allerdings habe ich dabei ein wenig vergessen, dass mich Angepasstheit eigentlich gar nicht ausmacht.. Denn ganz ehrlich? Ich mag mich eigentlich genauso wie ich bin. Mit einer festen Meinung ohne immer allen gefallen zu wollen und gemocht zu werden, mit all den Herr der Ringe Zitaten,…