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Weg mit den Mythen

Der folgende Post ist das Gegenteil von einfach. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht, ob ich ihn überhaupt veröffentlichen möchte und das liegt unter anderem daran, dass er so privat ist wie bisher wenig auf meinem Blog. Viele Dinge behalte ich für mich, sie passen nicht hier herein, aber ich denke in diesem Fall sollte es das. Und nachdem inzwischen mehrere Jahre vergangen sind, denke ich: einfach machen.

Der heutige Post ist weniger Montagsmotivation als vielmehr Aufklärung und dafür möchte ich eine Geschichte voran stellen.
Als ich noch jung und um einiges naiver war als heute, hatte ich Besuch. Der Freund einer lieben Freundin kam nach Leipzig und übernachtete bei mir. Sein enttäuschter Blick, als ich ihn auf dem Sofa einquartierte sprach Bände, aber ich hatte das Gefühl damit genau das richtige Signal gesetzt zu haben. Wir verbrachten ein angenehmes Wochenende miteinander, von seinen andauernden Beschwerden über das Sofa einmal abgesehen. Er erzählte mir viel von seinem Kampfsport, wie hart er trainierte, wie stark er war und wie viele Kampfsportarten er beherrsche. Am letzten Abend küssten wir uns. Ich weiß nicht mehr wie wir in meinem Bett landeten, ich weiß, dass ich es nicht wollte. Ich weiß, dass ich mich weg drehte, ich weiß dass ich "Nein" sagte und ich weiß, dass ich Angst hatte. Ich war völlig allein in meiner Wohnung - mit ihm. Ich weiß, dass er nicht aufhörte und dass mir mit einem Mal all die Geschichten über seinen Kampfsport wieder einfielen.
Und - paradoxerweise - eine Vorlesung zum Thema "Nein" sagen in der Sexualität. Und dann stand ich auf, bevor etwas passieren konnte, was mich nachhaltig schädigen könnte.
In dieser Nacht schlief ich auf der Couch und er in meinem Bett und am nächsten Tag wachte ich davon auf, dass er vor mir saß und mich anstarrte.

Es war nichts passiert. Ich bin nicht vergewaltigt worden, er hat mir körperlich nicht weh getan. Aber es reichte. Es reichte, um mich nächtelang nicht schlafen zu lassen. Es reichte, um Erinnerungen aus dem Nichts auftauchen zu lassen. Es reichte, um mich stundenlang duschen zu lassen, weil ich mich permanent schmutzig fühlte. Es reichte.
Ich möchte gar nicht wissen, wie es Frauen und Männer geht, die weniger Glück hatten.
Ich hatte Glück. Ich habe das Ganze irgendwann damit verarbeitet, das ich sehr wütend wurde. Jedes Mal, wenn eine Erinnerung auftauchte wurde ich wütend. Ich sagte laut: Du machst mir mein Leben nicht kaputt. Du nicht. Von dir lasse ich mir das nicht versauen.
Auch das war Glück. Ich war wütender als ich ängstlich war. Das ist keine Leistung, sondern meine Verarbeitung - aus welchem Grund auch immer. Aber es half mir damit abzuschließen. Wie gesagt, dass es bei mir so war heißt nicht, dass so etwas automatisch passiert oder dass es anderen hilft. Mir half es, ebenso wie die Gespräche mit meinen Freundinnen.
Und noch einmal: ich hatte Glück. Es war keinerlei Leistung und "einfach mal zusammen reißen"

Warum schreibe ich euch das? Heute, an einem Montag, der euch motivieren soll?
Einfach, weil ich euch heute etwas zu den Mythen erzählen möchte, die mit sexuellen Übergriffen zu tun haben. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind Bullshit und wir glauben sie trotzdem.

1. Sexuelle Übergriffe werden durch Fremde begangen.
Nachts im Park der düstere fremde Mann. So stellen wir uns das vor. Das Gros der Vergewaltigungen geschieht allerdings durch Bekannte. Durch (Ex)Freunde, Bekannte, Mitarbeiter. Nur selten kennen sich Betroffene und Täter nicht.

2. Frauen, die kurze Kleidung tragen sind selbst schuld.
Nein. Ende der Diskussion.

3. Sexuelle Übergriffe beinhalten körperliche Gewalt.
Nein. Manchmal nicht, manchmal reicht für Angst vor dem anderen völlig aus. Überlebensinstinkte sind nicht zu unterschätzen. Angst vor körperlicher Gewalt ist schon sehr wirksam.

4. Die Täter sind triebesteuerte Monster, das sieht man denen an.
Nein. Tatsächlich sind es normale Menschen. Das macht es nicht besser, ein Monster ist leicht zu erkennen, ist ausschließlich böse und abscheulich und wir können uns in acht nehmen. Etwas daranzugehen plakatives in Täter zu projezieren macht es nicht besser, sondern schiebt den Fokus auf einen kleinen Rand der Gesellschaft. Das ist Quatsch, denn sexuelle Gewalt zieht sich durch alle sozialen Gefüge.

5. Es gibt einen bestimmten Opfertypus
Nein. Es trifft nicht nur das zarte Mäuschen oder die promiskuitiven Feiernden. Tatsächlich ist das recht wahllos

Warum ist es wichtig damit aufzuräumen?
Weil jedes Mal, wenn wir diese Mythen bedienen, Betroffenen unrecht getan wird.
Es macht es leichter das Ganze als Randphänomen zu betrachten. Etwas, das anderen passiert, leichten Mädchen, unvorsichtigen Menschen. 
Und damit schieben wir einen wichtigen Aspekt von uns: Betroffenen mit Respekt und Menschlichkeit zu begegnen.
Machen wir hingegen Täter zu Monstern und Betroffene zu Opfern, dann schauen wir weg. Wir schieben ein Phänomen über das offen gesprochen werden muss auf eine Ersatzbank und gehen weiter.
Und genau das darf nicht passieren.
Für die heutige Woche gebe ich euch mit zu hinterfragen. Stimmen meine Vorstellungen? Denke ich gründlich genug über sie nach? Betrachte ich Dinge von allen Seiten oder nutze ich die leichte, gängigere Erklärung, einen Mythos?
Wir können wahrscheinlich nicht die Welt verändern. Aber wir können hinsehen und unsere (Vor)urteile ändern und das ist bereits ein großer Schritt. 

Habt einen guten Start in die Woche
Lotte

PS: Es fiel mir unglaublich schwer diesen Post zu schreiben und öffentlich zu machen. Ich habe lange überlegt, den Rat von guten Freundinnen eingeholt und viel nachgedacht. Mehrfach wollte ich es löschen. Es ist kein einfaches Thema - umso wichtiger ist es darüber zu sprechen

Kommentare

  1. Guten Morgen liebe Lotte,

    Danke!
    Ich habe Tränen in den Augen, bin bewegt und dankbar, dass du dieses Thema anschneidest!
    All das was du schreibst stimmt!
    Jeder "Fall" ist unterschiedlich!
    Und es ist so wichtig, darüber zu sprechen!

    Ich habe 45 Jahre nach "den Ereignissen" erfahren, was mein Vater mit mir gemacht hat. Allerdings nicht von ihm. Das "durfte" ich selbst herausfinden. Das tat ganz arg scheisse furchtbar weh.
    Warum er das gemacht hat? Ich habe eine Ahnung.
    Wie ging ich damit um? Ich habe lange Zeit um Verzeihung gerungen, habe mir Hilfe geholt, habe gebetet und konnte ihn mit Liebe und mit einem befreiten Herzen in den Tod verabschieden. Es ging und geht mir seit einigen Jahren gut damit, dass ich ihm aus tiefstem Herzen verziehen habe.
    Es ist NIE NIE NIE entschuldbar, wenn einem Menschen sexuelle oder psychische Gewalt angetan wird! NIE! Aber es ist verzeihbar!
    Und das Opfer entscheidet, wie es damit umgeht.

    Heute kann ich anderen Frauen und Mädchen helfen. Kann mit ihnen über meine Erfahrungen reden, kann sie trösten und wortlos in den Arm nehmen. Kann jungen Frauen Mut machen, "Nein" zu sagen. Ich konnte das damals als Kleinkind nicht.

    Aber! Ganz wichtig! Egal was passiert ist und wer der Täter war: liebe Frauen (und auch Männer - ja, auch die werden missbraucht und vergewaltigt!) vergebt!
    Die Vergebung ist nicht nur in die Richtung des Täters - sie heilt dich... Und Heilung von dieser Erfahrung ist so wichtig.
    Es wird immer eine Wunde bleiben, es wird immer wieder weh tun, es wird Wut hochkommen weil der Mißbrauch / der Übergriff dir Steine auf deinen Lebensweg gelegt hat und du anders bist als die Anderen und du dein Leben nicht so frei leben kannst wie du es gerne tun würdest.
    Aber: du lebst! Und du entscheidest, wie du das tust! Die Hilfe ist da!
    Geh zu anderen Frauen und sprich darüber!
    Hole dir Hilfe!
    Es gibt ganz viele Vereine, die sich um missbrauchte Frauen und Mädchen kümmern. Dort wirst du behutsam behandelt, die Frauen kümmern sich um dich, du bekommst Verständnis und Liebe.

    Ich habe inzwischen viele Frauen kennen gelernt, die Opfer von sexueller und psychischer Gewalt wurden. Einige davon haben mir geholfen. Einigen konnte ich helfen. Eine, die als Teenager über Jahre hinweg von ihrem Stiefvater immer wieder vergewaltigt wurde machte mir Mut zur Vergebung. Und sie sagte, dass diese ganz furchtbare Erfahrung irgendwann zum Segen wird. Heute weiss ich, dass das stimmt.
    Vergebung ist ein Teil dessen was du, liebe Lotte, schreibst: "Ich lasse mir mein Leben von dieser Erfahrung oder diesem Menschen NICHT kaputt machen!"

    Danke für diesen Post liebe Lotte!

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    1. Ich danke dir! Für deinen Mut, deine Ehrlichkeit und die wunderbaren Worte, die du teilst.

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  2. Liebe Lotte, dankeschön für diesen Post, dass du dafür den Mut aufgebracht hast.

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  3. Hallo Charlie!
    Ich bin wirklich schockiert! Schockiert darüber, dass manche Menschen sich überhaupt einbilden, das "Recht" dazu zu haben. Schockiert, dass man sich überlegen muss, ob man so Geschichte öffentlich macht oder nicht. Und vor allem bin ich nur froh und dankbar, dass dir nichts passiert ist!!!

    Aber du hast mit all deinen Punkten so Recht - es steht niemandem auf die Stirn tätowiert und man sollte mit manchen Äußerungen täter- und opferbezogen vorsichtig sein.

    Fühl dich gedrückt. :*

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  4. Du bist eine ganz Starke. Dazu meinen Glückwunsch. Auch dieses widerliche Geschehen hat Dich nur stärker gemacht; darauf kannst Du sehr stolz sein. Nachkommen von Arnold zerbricht man nicht.
    Hansi

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